Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Superteure Medikamente: Kassen unter Druck

Der Schweizer Pharmahersteller Novartis hat das derzeit teuerste Medikament im Angebot: Eine Spritze davon kostet zwei Millionen
Der Schweizer Pharmahersteller Novartis hat das derzeit teuerste Medikament im Angebot: Eine Spritze davon kostet zwei Millionen Euro. Foto: REUTERS

Es ist die derzeit am heißesten diskutierte Frage im deutschen Gesundheitswesen: Wie sollen Kassen und Ärzte mit brandneuen und superteuren Medikamenten umgehen, die hochwirksam sein können, für die aber noch keine Zulassung vorliegt?

Es geht um menschliches Leid, um Hoffnung – und um ganz viel Geld. Und gerade bündelt sich das alles im aktuellen Tauziehen um das Medikament Zolgensma des Herstellers Novartis. Es ist das teuerste Medikament der Welt. Eine Spritze kostet rund zwei Millionen Euro. Es hilft Kindern mit Spinaler Muskelatropie (SMA), die nicht älter als zwei Jahre sind. Viele der betroffenen Kinder erleben bislang ihren zweiten Geburtstag gar nicht oder müssen künstlich beatmet werden. Betroffen sind davon europaweit etwa 550 Kinder. Es gibt ein in Deutschland zugelassenes Medikament, das den Krankheitsverlauf positiv beeinflusst. Es muss in regelmäßigen Abständen gegeben werden. Bei Zolgensma ist nur eine Behandlung nötig, denn es soll das Potenzial haben, die genetische Krankheitsursache zu heilen.

Extrem teuer, aber vielversprechend

In den USA ist Zolgensma bereits erlaubt, und die Behandlungen verlaufen vielversprechend. In Deutschland ist Zolgensma aber noch nicht zugelassen. Aber auch hier gibt es Fälle von SMA-Erkrankungen, und die betroffenen Eltern wünschen sich sehnlichst, dass ihr Kind die neue Supertherapie erhält.

Die Kassen sind alarmiert. Denn Zolgensma ist vermutlich nur die Spitze eines großen Eisbergs, denn gentherapeutische Verfahren werden bald zum Beispiel in der Krebstherapie zum Einsatz kommen. Und auch dann dürfte es einen gewaltigen Druck auf die Kassen geben, die teuren Medikamente schon vor der deutschen Zulassung zu finanzieren, um verzweifelten Patienten die Chance auf ein Überleben zu ermöglichen.

Krankenkassen: Hersteller soll vorerst Kosten tragen

In einem für die Gesundheitsbranche höchst ungewöhnlichen Schritt haben sich nun Spitzenvertreter der Krankenkassen, der Sozialversicherungen, des gemeinsamen Bundesausschusses und der Universitätsmedizin an Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gewandt. Sie fordern eine gesetzliche Regelung für den Umgang mit neuen wirksamen und sehr teuren Arzneimitteln ohne Zulassung. Sie beklagen den erheblichen Druck, der auf Krankenkassen und Ärzte ausgeübt werde, „das nicht zugelassene Medikament zu Lasten der Versichertengemeinschaft einzusetzen“. Die Unterzeichner fordern deshalb eine gesetzliche Regelung für noch im Zulassungsverfahren befindliche Arzneimittel. Dabei solle der Grundsatz gelten, dass nicht zugelassene Arzneimittel „nur in den Fällen zu Lasten der Gesetzlichen Krankenkassen verordnet werden, bei denen unmittelbare Lebensgefahr ohne Erfolg versprechende Alternativtherapie besteht“. Das Tragen der Kosten für die Anwendung nicht zugelassener Arzneimittel soll „im Verantwortungsbereich des Herstellers“ liegen. Im Klartext: Bis die Zulassung da ist, soll Novartis und nicht die Kassen die Kosten tragen.

Novartis hat mit Zolgensma im dritten Quartal 2019 einen Erlös von 160 Millionen Dollar erzielt. Für den Erwerb der US-Firma, die das Medikament entwickelte, hatte Novartis 8,7 Milliarden Dollar bezahlt. Analysten sagen einen jährlichen Gewinn von 2,8 Milliarden Dollar voraus.

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