König Charles
Staatsbesuch in Deutschland: Ein Monarch mit Mission
Es ist ein seltener Augenblick im Bundestag: Abgeordnete aller Fraktionen lachen ungezwungen, nicken einander zu oder amüsieren sich still. Für einem Moment dient im Hohen Haus das Lachen nicht dem Zweck, sich über den politischen Gegner zu erheben. König Charles III. gelingt dieses Kunststück, indem er in seiner Rede an den deutschen Silvester-Spaß „Dinner for one“ mit Miss Sophie und Butler James erinnert. Dieser Sketch spiegele zwar nicht unbedingt das aktuelle britische Lebensgefühl wider, schmunzelt Charles, wohl aber beschere er den Deutschen einen fröhlichen Rutsch ins neue Jahr. Dass der Silvester-Klassiker auf der Insel weitgehend unbekannt ist, lässt der König freilich unerwähnt.
Es sind Kleinigkeiten wie diese, die von der offensichtlich großen Liebe des britischen Monarchen zu Deutschland zeugen. Schon als junger Mann besuchte er das Land, aus dem viele seiner Vorfahren stammen, und man nimmt ihm ab, dass es ihn beeindruckt, wie sehr die Deutschen britische Kultur schätzen. Zur offensichtlichen Überraschung seiner deutschen Zuhörer verweist er denn auch auf die erste Shakespeare-Gesellschaft der Welt, die im 19. Jahrhundert nicht in der Heimat des Dichters, sondern in Weimar gegründet wurde.
Hervorragendes Deutsch
Dass Charles seine Rede im Bundestag teils auf Deutsch, teils auf Englisch hält, ist aller Ehren wert. Sogar die Aussprache des Wortes „Rechenschaftspflicht“ gelingt dem britischen Monarchen nahezu makellos. Seine guten Deutschkenntnisse sind wohl seinem Vater Prinz Philip zu verdanken. Er sprach Deutsch auf muttersprachlichem Niveau, wie es heißt. Philip wurde zwar als Prinz von Griechenland geboren, war aber ein Abkömmling aus deutsch-dänischem Adel (Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg).
Ob die Kombination beider Sprachen bei britischen Staatsbesuchen in Deutschland ihren Ursprung in Mainz hat, ist eine gewagte, aber durchaus interessante These. Schließlich hat der Mainzer Oberbürgermeister Jockel Fuchs beim Besuch von Charles’ Mutter 1978 im Gutenberg-Museum den legendären deutsch-englisch-meenzerischen Satz geprägt: „Majesty, and now we go enunner in the Druckerwerkstatt.“
Die deutsche Liebe zur Queen
Es dauerte allerdings bis ins Jahr 2020, bis Charles, damals noch Prince of Wales, im Bundestag bei der Gedenkstunde zum Volkstrauertag die Freundschaft beider Nationen, die über den Brexit hinaus weiterbestehe, erstmals in deutschen wie auch in englischen Sätzen beschwor. Jetzt, als König, steht Charles wieder am Rednerpult im Plenarsaal. Er redet unter der gläsernen Kuppel des Reichstagsgebäudes, die ein britischer Architekt entwarf, der begnadete Sir Norman Foster. Ein schönes Symbol.
Aber man kann nicht über Charles befinden, ohne an seine Mutter zu erinnern. Deren Besuche in Deutschland markierten stets besondere Wegmarken der deutschen Geschichte. Der wichtigste Besuch fand vor mehr als einem halben Jahrhundert statt, es war ihr erster in Deutschland. Die Queen setzte 1965 das Zeichen, dass Deutschland nicht länger zum Kreis der geächteten Nationen zählen sollte. Sie besuchte auf ihrer langen Visite acht der damals elf Bundesländer. Vier weitere Staatsbesuche sollten folgen, jeder für sich war Teil des langen Prozesses der Normalisierung der deutsch-britischen Beziehungen. In Ostdeutschland weilte die Queen erstmals im Jahr 1992 in dem von alliierten Angriffen zerstören Dresden und nahm an einem Versöhnungsgottesdienst teil.
900 Polizisten unterwegs
Charles erinnert im Bundestag kursorisch an diese Ereignisse und zeigt sich beeindruckt von der Herzenswärme der Deutschen, die seiner Mutter zeitlebens entgegenströmte. Als ihr Nachfolger auf dem britischen Thron scheint Charles nach dem herzlichen Empfang am Brandenburger Tor am Vortag die wachsende Sympathie der Deutschen für ihn gespürt zu haben. Als er aus dem von der britischen Botschaft zur Verfügung gestellten auberginefarbenen Bentley stieg, brandete Applaus unter den über tausend Wartenden auf, später schüttelte Charles noch viele Hände beim Bad in der Menge.
Die Berliner nehmen für den royalen Besuch auch erhebliche Einschränkungen in Kauf. Insgesamt etwa 900 Polizisten sind für Absperrungen von Straßen und Plätzen und die Sicherheit eingesetzt. Unterstützung aus anderen Bundesländern erhält die Polizei durch 20 Sprengstoff-Spürhunde, die bei der Vielzahl der unterschiedlichsten Termine des Königs und seiner Gemahlin Camilla klaglos ihren Dienst tun.
Gesundes beim Festbankett
Selbstredend, dass das Paar mit Geschenken überhäuft wird, und nicht immer sind die Präsente so überschaubar wie auf dem Wochenmarkt am Wittenbergplatz, wo ein Händler dem König Akazien- und Sonnenblumen-Honig überreicht. Am Vorabend hatte der Koch des Bundespräsidenten, Jan-Göran-Barth, zum Festbankett ein Menü serviert, das die Vorlieben des Königs für ökologisch angebautes Gemüse berücksichtigte. Nach der Hauptspeise – Weidehuhn mit Pilzen und Spinat-Törtchen mit Wurzelwerk – gab es übrigens ein Dessertgetränk aus Rheinland-Pfalz: Likörwein von der Ahr.
Doch es stehen nicht nur Schönwetter-Termine auf dem Programm. Die Folgen des russischen Überfalls auf die Ukraine sind auch für Charles ein Thema, das nicht übergangen werden kann. Schon im Bundestag dankt er Deutschland für die militärische Unterstützung der Ukraine. Die Abgeordneten würdigen das mit langem Beifall, den sie stehend spenden. Später spricht er auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tegels mit Geflüchteten und Mitarbeitenden des Ankunftszentrums. Charles: „Der Entschluss Deutschlands, der Ukraine große militärische Unterstützung zukommen zu lassen, ist überaus mutig, wichtig und willkommen.“