Politik SPD nach der Niederlage im Norden: Fragen über Fragen

Politiker wissen ihre wahre Gemütslage oft geschickt zu verbergen. Anders ist das bei Ralf Stegner. Der wortgewandte SPD-Landesvorsitzende von Schleswig-Holstein ist geübt darin, schlecht gelaunt in die Kameras zu schauen. Aber gestern zu morgendlicher Stunde meldete sich der offizielle Seltenfröhlich der SPD geradezu trübsinnig zu Wort. Seiner Internet-Gemeinde empfahl er als Hörtipp die schwermütige Rockballade „Questions“ aus den 70er Jahren. Sänger Manfred Mann beklagt darin, dass alle seine Fragen nur mit Gegenfragen beantwortet würden. „Die Macht, die mich trug, hat mich alleingelassen“, heißt es am Ende des elegischen Liedes. Möglich, dass Stegner am Morgen Ähnliches in der SPD-Präsidiumssitzung vorgetragen hat. Dort diskutierte die Führungsmannschaft der Partei über die Gründe des Scheiterns in Schleswig-Holstein. Am Ende gab es mehr Fragen als Antworten. Zwar kursierten schon am Wahlabend von höchster Genossenebene stammende Deutungen des Debakels. Generalsekretärin Katarina Barley und Fraktionschef Thomas Oppermann luden die Schuld für das vermasselte Wahlergebnis bei Parteifreund Torsten Albig ab. Dem Ministerpräsidenten sei es nach fünf Jahren als Regierungschef nicht gelungen, seinen Amtsbonus einzubringen, lautete die eine These. Außerdem habe sich der Wahlkampf zuletzt auf das Privatleben des Spitzenkandidaten konzentriert. Beide Einlassungen zielen in die gleiche Richtung: Albig ist Wahlverlierer, weil er allein und nicht die Bundes-SPD Fehler gemacht hat. Was die Sache mit dem Privatleben angeht, ist Albigs Fehlkalkulation tatsächlich messbar. Nach einem Homestory-Interview mit der Zeitschrift „Bunte“ sackte seine Beliebtheit in den Umfragen deutlich ab. Grund war das in der Sozialdemokratie verpönte Rollenbild vom arbeitenden Mann und der kinderhütenden Partnerin, das Albig vor der Leserschaft ausbreitete. So berichtete er über die Trennung von seiner langjährigen Ehefrau, weil sich sein Leben „schneller entwickelt“ habe als ihres, und man sich „kaum noch auf Augenhöhe“ habe austauschen können. Das Echo war verheerend: Albig – ein selbstgefälliger Macho mit einer in der Rolle der Mutter gefangenen Ehefrau. Ob das Bild so stimmt oder sich Albig nur gnadenlos schlecht ausgedrückt hat, war in der Hitze der Wahlschlacht dann egal. „Ein Kack-Interview war das, der helle Wahnsinn“, sagte gestern einer aus der Parteizentrale. Richtig übel nehmen es die Sozialdemokraten ihrem Spitzenkandidaten von der Küste aber, dass er von einem CDU-Mann namens Daniel Günther besiegt wurde, der Vorsitzender seiner notorisch zerstrittenen Partei nur deshalb werden konnte, weil in den vergangenen fünf Jahren vier Vorgänger aufgegeben hatten. Wie konnte ein Quasi-Nobody aus der Opposition den markanten Glatzkopf Albig so nahe kommen, ihn erreichen und am Ende gar überholen? Wieso hat der Politprofi Albig, der einmal Berater von Finanzminister Peer Steinbrück und danach Oberbürgermeister von Kiel war, den Braten nicht gerochen? Fragen über Fragen. „Wir müssen Antworten finden“, sinnierte Albig denn auch in einem sehr kurzen Statement im Berliner Willy-Brandt-Haus. Die SPD sei „gestern gefallen“ und werde „morgen wieder aufstehen“, die Partei werde sich „vom Staub des Hinfallens befreien“, der Kampf „geht weiter“, malte Albig ein merkwürdiges Bild voll rhetorischen Pulverdampfs. Fragen von Journalisten waren übrigens nicht zugelassen – auf Wunsch von Albig, wie es inoffiziell hieß. Eine dieser nicht gestellten Fragen wäre sicher gewesen, ob mit der Niederlage in Kiel nun SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz beschädigt und ein Wahlsieg in Nordrhein-Westfalen gefährdet ist. Schulz ahnte das wohl, als er in seiner Begrüßung andeutete, wie groß genau diese Befürchtung ist: „Wir sind auch heute Morgen nicht fröhlich, das kann man nicht sagen, und es hat auch keinen Zweck, so zu tun.“ Dann mahnte er noch zur Solidarität in der Partei. Mehr Schulz gab es gestern nicht, jedenfalls nicht zum Thema Wahl. Denn Schulz hatte zur Mittagszeit zu einer programmatischen Wirtschaftsrede bei der IHK eingeladen. Der Termin war seit Tagen bekannt und hatte Kopfschütteln bei den eigenen Leuten ausgelöst: Wie kann man nach Wochen der Zurückhaltung einen solchen Aufschlag an einem Tag planen, an dem die Wahlen in Frankreich und Schleswig-Holstein aufgearbeitet werden? Dass Schulz in den vergangenen Wochen politisch kaum wahrzunehmen war, wurde mit einer Vielzahl von Wahlauftritten begründet. Hinter vorgehaltener Hand sprechen hochrangige Sozialdemokraten aber von einem Fehler. „Er hätte in Berlin präsent sein müssen, unbedingt“, meinte einer. Bald, sehr bald, so raunt man im Willy-Brandt-Haus, werde der Merkel-Herausforderer „konkret“ werden und seine Agenda darlegen. Einstweilen pfuschen ihm jedoch die lieben Parteifreunde ins Handwerk: Als Schulz bei der IHK seine Rede begann, stellte gleichzeitig Sigmar Gabriel sein neues Buch vor. Gast war Jean-Claude Juncker. Ein gutes Timing sieht anders aus, keine Frage.