Politik RHEINPFALZ Plus Artikel SPD-Chefs: Auf Nimmerwiedersehen

Künftig Auto-Lobbyist? Noch ist nicht klar, wohin die Wege von Sigmar Gabriel führen. Klar ist, dass er sich selbst noch viel zu
Künftig Auto-Lobbyist? Noch ist nicht klar, wohin die Wege von Sigmar Gabriel führen. Klar ist, dass er sich selbst noch viel zutraut. Foto: dpa

Am Donnerstag verlassen sie den Bundestag: Andrea Nahles und Sigmar Gabriel geben ihre Abgeordnetenmandate ab. Die beiden früheren SPD-Vorsitzenden sind lange nicht mehr im Parlament gesichtet worden. Ihr Abschied ist still und leise, ihre berufliche Zukunft ungewiss.

Sie war die erste Frau an der Spitze der Sozialdemokratie, er amtierte nach Willy Brandt am längsten als Parteichef. Beide gingen beruflich ein Stück des Weges miteinander. Und beide überwarfen sich derart mit ihrer Partei, dass sie geschworen haben, nie wieder ein Amt bei der SPD anzunehmen. Andrea Nahles und Sigmar Gabriel, zwei politische Schwergewichte und zwei, die auf Teufel komm raus polarisieren können, verlassen ihre Plätze im Bundestag. Schon vor längerer Zeit haben sie innerlich Abstand genommen von ihrem Job und ihren Weggefährten.

Und die Partei lässt sie ziehen. Man bedürfe nicht mehr ihrer Fähigkeiten und Talente, gab man ihnen zu verstehen. „Wenn man nicht mehr recht gebraucht wird, dann soll man besser gehen“, bilanzierte Gabriel Mitte September nach seinem 60. Geburtstag, an dem er den Entschluss fasste, der Politik Adieu zu sagen.

Gabriel im Schmollwinkel

Gabriels beste Zeit in der Politik ist noch nicht lange her. Da war der SPD-Chef zunächst Wirtschaftsminister, dann Außenminister im dritten Kabinett Merkels. Gabriel hielt dem diplomatischen Gegenwind der Putins und Erdogans stand, überspannte manchmal den Bogen, aber fühlte sich in der komplizierten Welt der Krisen und Kriege wohl. Die Leute mochten Gabriel, seine Beliebtheit stieg, doch der SPD ging es schlecht. Wahlniederlagen folgten auf Wahlniederlagen, bis Gabriel den Vorsitz Martin Schulz überließ. In der Euphorie dieses Wechsels fiel kaum auf, dass Gabriel alles allein entschied. Bei der Neuauflage der großen Koalition kam er dann nicht mehr zum Zuge. Gabriel zog sich in den Schmollwinkel zurück, wurde pampig.

Parteifreunde haben ihn so schon oft erlebt. Es gibt Dutzende von Geschichten, bei denen er jemanden, der ihm zuwider war, vor versammelter Mannschaft abkanzelte. Dabei ist es Gabriel egal, ob dies ein Mitarbeiter, ein Parteifreund oder ein Journalist ist. Gleichzeitig kann Gabriel charmant, geistreich und humorvoll sein, wiewohl ein Stimmungsumschwung stets in der Luft liegt. Diese Unberechenbarkeit und die Unangemessenheit mancher seiner Reaktionen haben ihm im Leben schon sehr geschadet. Doch für die SPD, und das ist das Paradoxe, war Gabriel eine Zeitlang das Beste, was ihr geschehen konnte.

Mitgliederentscheid als Glanzstück

Der Aufstieg des Mannes aus Goslar ist eine bemerkenswerte sozialdemokratische Geschichte. Gabriel vermochte die in der schwarz-gelben Regierungsphase in der Oppositionsrolle deprimierte Partei aufzurichten. Es gelang ihm, die SPD zurück an die Regierung zu führen. Sein Glanzstück ist der erste Mitgliederentscheid über den Koalitionsvertrag. Mit dem Hebel der Mitbestimmung schloss er die Reihen der Partei, das war sehr geschickt. Aus dieser Zeit stammt auch sein bekanntester Spruch: die Aufforderung an seine Parteifreunde, „raus ins Leben“ zu gehen, „dahin, wo es laut ist, dahin, wo es brodelt, dahin, wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt“. Heute dürfte Gabriel darüber nachsinnen, warum die Partei dieser Empfehlung nur zögerlich gefolgt ist und das Feld weitgehend den Populisten überließ.

Schon seit geraumer Zeit ist Gabriel auf der Suche nach einer neuen Aufgabe. Zwei Lehraufträge in Bonn und Harvard, der Vorsitz des renommierten Vereins Atlantik Brücke sowie die freie Mitarbeit als Autor von Essays beim „Tagesspiegel“ füllen ihn aber offenbar nicht aus. Die Gerüchte, Gabriel wolle sich seine politische Karriere als Boss des Verbands der Automobilindustrie (VDA) vergolden lassen, wurden bislang nicht bestätigt. Doch wen auch immer man in der SPD fragt, man hört nur dies: „Der macht das.“ SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil ließ vorsorglich schon verlauten, Gabriel sei für den Lobby-Posten „profiliert“.

Nahles: „Keine öffentliche Person mehr“

Wo die berufliche Zukunft von Andrea Nahles liegt, ist noch weniger bekannt. Nach ihrem Radikalrückzug vom Fraktions- und Parteiamt hat sie sich in ihr Heimatdorf Weiler in der Eifel zurückgezogen. Die alleinerziehende Mutter hat bisher nur einen öffentlichen Termin wahrgenommen, eine Podiumsdiskussion über Gleichberechtigung im Kloster Maria Laach. Die ehemalige Spitzenpolitikerin ließ zudem über das Wochenblatt ihrer Region verbreiten, die „öffentliche Person Andrea Nahles“ sei „beendet“.

Menschen aus Nahles’ Umfeld berichten, die einstige Parteichefin habe noch daran zu arbeiten, mit welcher Kälte und Unbarmherzigkeit man mit ihr umgegangen sei. Das mag verwundern, da sie selbst doch gelegentlich das brutale Spiel mit der Macht verstanden hat. So prägte sie schon früh ihr Image von der Krawallschwester, die mit langer Mähne ins Mikrofon röhrte. Selbst als Ministerin und Chefin der ältesten deutschen Partei ist sie in dieses Muster wieder zurückgefallen. Ob „Bätschi!“ oder „In die Fresse“: Nahles vermochte es immer wieder, Menschen zu verstören oder ihnen das Gefühl zu geben, sich für sie fremdschämen zu müssen.

Nahles’ Lob für die Kanzlerin

Schon vor der rot-grünen Wende hatte Nahles sich ein ordentliches Sündenregister angelegt. Sie gehörte zu denen, die 1995 auf dem Mannheimer Parteitag Stimmung gegen Rudolf Scharping und für Oskar Lafontaine machten. Später kritisierte sie lauthals Gerhard Schröders Agenda-Politik. Und wegen ihrer erfolgreichen Kandidatur als Generalsekretärin hat Franz Müntefering 2005 den Parteivorsitz niedergelegt.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sie als Arbeitsministerin einen hervorragenden Job gemacht hat. Dass Mindestlohn und Rente mit 63 schon nach wenigen Monaten in Gesetzesform gegossen waren, ist ihr Werk. Weitere Projekte folgten weitgehend reibungslos. Sachlich, verbindlich, verlässlich, so schildern Christdemokraten die Verhandlungsführung der SPD-Frau. Im Gegenzug lobte Nahles einmal die Kanzlerin, weil diese „gut führen kann“.

Dreyer-Appell für mehr innerparteiliche Fairness

Es war vor allem der Abgang von Nahles, der in der Partei Appelle an die Mitglieder zu mehr innerparteilicher Fairness ausgelöst hat. Noch am Samstag räumte Interims-Parteichefin Malu Dreyer ein, die SPD sei in der Vergangenheit mit ihren Vorsitzenden „nicht immer richtig“ umgegangen. Nicht nur Nahles und Gabriel werden das mit Interesse zur Kenntnis genommen haben.

Was wird aus Andrea Nahles? Die erste Frau an der Spitze der SPD hat sich zunächst in ihr Heimatdorf Weiler in der Eifel zurückg
Was wird aus Andrea Nahles? Die erste Frau an der Spitze der SPD hat sich zunächst in ihr Heimatdorf Weiler in der Eifel zurückgezogen. Foto: dpa
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