Pro und Contra
Sollen Atomkraftwerke länger am Netz bleiben?
PRO
Von Olaf Lismann
Putins Angriffskrieg in der Ukraine zwingt uns, die politischen Risiken in Europa neu zu bestimmen und auszutarieren. Der Despot im Kreml droht mit Atomwaffen und einem Lieferstopp für russisches Gas, von dem Deutschland noch abhängig ist. Diese neue Lage macht es nun weitaus dringlicher, die Energiepolitik neu auszurichten, als es zuvor ohnehin schon war. Denn bereits die einsetzende Klimakatastrophe hat die rasche Abkehr von Kohle, Gas und Erdöl zu einem der wichtigsten Ziele überhaupt werden lassen.
Wer die zugespitzte Lage mit ideologischen Scheuklappen betrachten will, der beraubt sich des nötigen Weitblicks. Wann, wenn nicht jetzt, ist Pragmatismus gefragt? Und der erfordert vernünftige Abwägung. Es ist einfach nicht von der Hand zu weisen: Die Atomenergie bietet gerade jetzt gewichtige Möglichkeiten, die äußerst drängenden Probleme besser zu lösen und in diesen politisch ohnehin unsicheren Zeiten einen größeren Handlungsspielraum und Sicherheitspuffer zu bewahren.
Man muss kein Freund der Atomkraft sein, um zu erkennen, dass es jetzt eine sinnvolle politische Option ist, die drei in Deutschland noch am Netz verbliebenen Kernkraftwerke ein paar Jahre länger zu betreiben und die drei Atomkraftwerke, die Ende 2021 vom Netz genommen wurden, befristet wieder in Betrieb zu nehmen. Das kann – bei entsprechendem politischem Willen – recht schnell durch ein einfaches Gesetzgebungsverfahren ermöglicht werden. Atomstrom würde weitgehend treibhausgasfrei produziert und stünde damit schnell und sicher in relevanten Mengen zur Verfügung. Das würde die Versorgungssicherheit verbessern und auch noch die ungeheure Strompreiserhöhung dämpfen.
Was nun ist das größere Risiko? Die Laufzeit von ein paar Meilern um einige Jahre zu verlängern? Oder sich ohne Not relevanter Handlungsmöglichkeiten zu berauben, um der Klimakatastrophe entgegenzutreten und einem Despoten, der einen Krieg in Europa führt?
CONTRA
Von Hartmut Rodenwoldt
Das klingt verlockend, das klingt schlüssig: Energie ist knapp und teuer. Deutschland ist bei Gas und Öl abhängig von Russland. Was liegt da näher, als die Laufzeiten der drei noch produzierenden deutschen Kernkraftwerke zu verlängern?
Mit Verlaub, zu kurz gedacht, viel zu kurz! Ganz unabhängig davon, ob man den Ausstieg aus der Atomenergie ethisch und sicherheitstechnisch für richtig oder für falsch hält – eine Laufzeitverlängerung brächte in der Sache nichts. Warum nicht?
Erstens: Weil die noch laufenden Kernkraftwerke Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2 nur rund fünf Prozent zur deutschen Stromproduktion beitragen (Quelle: Bundeswirtschaftsministerium). Ihr Beitrag ist also marginal.
Es mangelt im Übrigen auch nicht in erster Linie an Strom, sondern insbesondere an Erdgas. Das wird für die Wärmeerzeugung und für die Industrie gebraucht. Hier spielen Atomkraftwerke keine Rolle.
Zweitens: Die regulären Laufzeiten der drei Kernkraftwerke enden am 31. Dezember 2022. Die Betreiber haben sich auf dieses Enddatum eingestellt. Der Zyklus der Brennstäbe wurde darauf ausgerichtet. Werden die Laufzeiten verlängert, müssten neue Brennelemente her. Deren Produktion aber dauert zwölf bis 15 Monate (Quelle: Bundesregierung).
Das bedeutet: Für den längsten Teil des Winters 2022/23 und bis weit ins kommende Jahr hinein würden die drei Atomkraftwerke mit längeren Laufzeiten also gar keinen Beitrag zur deutschen Energieerzeugung leisten (können).
Drittens: Die Versorger haben in Deutschland über die Jahrzehnte gutes Geld verdient. Das sei ihnen gegönnt. Aber nun zu verlangen, dass der Staat und damit letztlich der Steuerzahler jegliche Risiken und alle Kosten bei einer Laufzeitverlängerung übernimmt, geht zu weit. Das haben die Betreiber nach Aussagen der Bundesregierung gefordert.
Das Risiko vergesellschaften, die Gewinne privatisieren? Nein, so haben wir nicht gewettet.