Kalender RHEINPFALZ Plus Artikel Silvesterpredigt des Kardinals: Siebtes Gebot auf Kölsch

Legte sich mit der britischen Besatzungsbehörde an: Kardinal Josef Frings.
Legte sich mit der britischen Besatzungsbehörde an: Kardinal Josef Frings.

Im Hungerwinter 1946 hält der Kölner Kardinal Frings zu Silvester eine Predigt mit Folgen. Die notleidenden Bürger sehen in einem Satz die Erlaubnis zum Kohlenklau. Damit handelt sich Frings Ärger ein.

Köln glich 1946 einer Trümmerlandschaft. Die Menschen konnten sich glücklich schätzen, wenn ihre täglichen Lebensmittelrationen mehr als 1000 Kalorien ergaben. Der Alltag war davon geprägt, das Allernötigste heranzuschaffen. Dazu kam die bittere Kälte: Bereits im November und im Dezember fielen die Temperaturen tagelang weit unter null Grad Celsius. In dieser Notsituation „besorgten“ sich viele Kölner aus Güterwaggons und Lastwagen, die aus dem Ruhrgebiet kamen, Kohle zum Heizen.

Freibrief von höchster geistlicher Stelle

Der Kölner Kardinal Josef Frings wusste um die Not der Bürger. Bei jeder Gelegenheit mahnte er bei den Alliierten eine bessere Versorgung mit Kohle an. Doch nichts tat sich. In seiner Silvesterpredigt in der Kirche St. Engelbert im Kölner Stadtteil Riehl sagte Frings dann einen Satz, den viele als Freibrief von höchster geistlicher Stelle für den Kohlenklau auffassten. Dankbar erfanden die Kölner einen neuen Namen für den Mundraub – „fringsen“.

Gedanken zum siebten Gebot

In seiner Predigt sprach Frings über die Vertriebenen und setzte sich mit dem Begriff der Schuld auseinander. Es folgten Gedanken zum siebten Gebot, das da lautet: Du sollst nicht stehlen. Dazu führte Frings, der seit 1942 Kölner Erzbischof war und 1946 den Kardinalshut erhielt, aus: „Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit und durch Bitten, nicht erlangen kann.“ Ein Satz, der aufhorchen ließ. Wohl nicht gehört und nicht weitergetragen wurde hingegen das, was folgte. Der Kardinal sagte weiter: „Aber ich glaube, dass in vielen Fällen weit darüber hinausgegangen worden ist. Und da gibt es nur einen Weg: unverzüglich unrechtes Gut zurückgeben, sonst gibt es keine Verzeihung bei Gott.“

Der Kardinal ließ sich nicht einschüchtern

Die Öffentlichkeit und die britische Besatzungsbehörde erfuhren durch die Presse von der Predigt. Das hatte Folgen. „Dieser Artikel und die in den ersten Januartagen 1947 sprunghaft ansteigenden Plünderungen der Kohlezüge ließen den Zivilgouverneur von Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf aktiv werden“, berichtet Frings-Biograf Norbert Trippen. Die Briten verlangten eine öffentliche Klarstellung. Doch Frings ließ sich nicht einschüchtern: Was er gesagt habe, sei Bestandteil der katholischen Morallehre. „Ich selbst würde mir von den Waggons die Briketts holen, wenn ich kein Heizmittel hätte. Dass kein Hausbrand ausgegeben wird, halte ich besonders wegen der starken Kälte in diesem Jahr für ein Vergehen gegen die Menschlichkeit“, hielt er ihnen entgegen.

Mit den besten Empfehlungen sich davon gemacht

Die Briten bestellten den Kardinal Mitte Januar nach Düsseldorf ein. Frings war pünktlich zur vereinbarten Zeit in der Kommandozentrale der britischen Besatzungsmacht. Doch der Gouverneur war nicht da. Nachdem Frings eine knappe Viertelstunde gewartet hatte, erhob er sich und empfahl sich. Seinen Chauffeur wies er an: „Jetzt schleunigst weg. Es konnte gar nicht besser gehen.“ Frings wurde kein zweites Mal einbestellt. Die Beziehungen zwischen dem Kirchenmann und den Besatzungsbehörden blieben kühl.

„Rückwärts fringsen“

Frings leitete das Erzbistum Köln bis 1969. Beim Zweiten Vatikanischen Konzil machte sich der Kardinal einen Namen als Sprecher der Kirchenmänner, die die katholische Kirche zur Welt hin öffnen wollten. Der in Neuss geborene Frings starb am 17. Dezember 1978 im Alter von 91 Jahren in Köln.

Als die Düsseldorfer Südbrücke über den Rhein im Juni 2006 in „Josef-Kardinal-Frings-Brücke“ umbenannt wurde, gab es eine Benefiz-Aktion „rückwärts fringsen“. Zugunsten Bedürftiger wurden besondere Briketts verkauft.

Der Kalender

DIE RHEINPFALZ feiert 2020 ihren 75. Geburtstag. In unserem Jubiläumskalender erinnerten wir jeden Tag an ein besonderes Ereignis oder eine ungewöhnliche Geschichte aus den vergangenen 75 Jahren. Mit diesem Artikel endet die Kalenderserie.
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