Wirtschaft RHEINPFALZ Plus Artikel Wie sich Pfälzer Schuhgeschäfte vor Ort behaupten

 Klassisches Konzept: Im Schuhsalon mit Kaffeehaus-Atmosphäre wird der Kunde bei Schuh Keller in Ludwigshafen bedient.
Klassisches Konzept: Im Schuhsalon mit Kaffeehaus-Atmosphäre wird der Kunde bei Schuh Keller in Ludwigshafen bedient.

Der stationäre Schuhhandel leidet. Viele Geschäfte schließen, Filialisten wie Reno und Görtz gehen in die Pleite. Vor allem das Internet hat die Handelslandschaft verändert. Doch das Schuhgeschäft vor Ort hat eine Chance.

Das schönste Kompliment hat Edmund Keller aus dem Mund einer 15-Jährigen gehört. Bei ihm sei das Einkaufen ein schönes Erlebnis gewesen, erklärte ihm eine junge Dame, die mit ihrer Familie kürzlich zum Schuhkauf gekommen war. Für den 93-jährigen Seniorchef des Ludwigshafener Schuhgeschäftes Keller war das eine besondere Anerkennung – aus dem Mund einer Kundin, deren Altersgruppe sich selten in ein klassisches Schuhfachgeschäft wie dieses verirrt. Die Jugend kauft meist online. Dass sich ein Schuhgeschäft selbst im Stadtzentrum vom digitalen Marktplatz absetzen muss, haben sie beim Ludwigshafener Schuhhaus Keller nahe am Berliner Platz längst verstanden. Denn dort bieten sie, was andere nicht haben. Einen Schuhsalon mit Service und Spezialitäten, mit Wohnzimmer-Ambiente und Whiskey-Bar. Ein Konzept, das auf Stammkunden setzt und den Laden auch im 87. Jahr der Firmengeschichte trägt.

Das Sterben im Schuhhandel

500 andere deutsche Schuhgeschäfte haben dagegen im ersten Halbjahr 2023 geschlossen. Insgesamt gibt es noch etwa 9500 Läden, schätzt der Handelsverband Textil, Schuhe, Lederwaren BTE. Viele Unternehmer haben aufgegeben: Gab es 2010 laut Verband 5022 stationäre Schuhhändler, waren es 2020 noch 3147. Eine Abwärtsspirale, in die selbst Große geraten. Marken wie Salamander, Händler wie Görtz. Oder der Filialist Reno aus Thaleischweiler-Fröschen (Südwestpfalz), der mit Hunderten Filialen im In- und Ausland zu den Top 5 gehörte, dem aber nach dem Gang zum Insolvenzgericht im März nur 30 Läden blieben.

Wobei es keineswegs allen schlecht geht: Die Deichmann-Gruppe mit weltweit rund 4600 Filialen, darunter 1400 deutschen, meldete für 2022 einen Rekord-Umsatz von über acht Milliarden Euro (davon 2,5 in Deutschland) und will weiter investieren. Auch in neue Läden. Sie glaubten an das stationäre Geschäft, sagte im Frühjahr der Essener Inhaber Heinrich Deichmann, 61-jähriger Enkel des Firmengründers.

Mehr Umsätze, aber geringere Gewinne

Schaut man auf die blanken Zahlen, geht es der Branche gar nicht so schlecht. 2022 stiegen nach dem Pandemie-Tief laut BTE die Handelsumsätze wieder um zehn Prozent auf etwa 11,5 Milliarden Euro. Ein Trend, der sich im ersten Halbjahr 2023 fortsetzte. Allerdings, stellt der Verband fest, lägen die meisten Geschäfte aufgrund der Inflation preisbereinigt nur knapp im Plus oder im Minus. Hohe Kostensteigerungen, etwa bei Energie, Personal und Mieten, schmälerten Gewinne. Der stationäre Schuhhandel bleibe im schwierigen Fahrwasser.

Eine Herausforderung für diesen ist der Online-Handel, der seinen Anteil am deutschen Schuhverkauf in Pandemiezeiten über die Hälfte steigerte. Der stationäre Schuhhandel konnte zwar danach wieder Boden gutmachen; der Umsatzanteil des Online-Handels fiel 2023 auf unter 20 Prozent, vergleichbar mit jenem anderer Betriebsformen wie Waren- und Modehäuser. Ob dies aber so bleibt, ist fraglich. Der Schuhhandel könne wieder das Vorkrisenniveau 2019 erreichen, prognostizierte schon Ende 2021 eine Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC Deutschland, doch der stationäre Anteil werde langfristig darunterbleiben. Und große Anbieter könnten Marktanteile hinzugewinnen, kleine weiter unter Druck geraten.

Für Konkurrenz sorgt ebenfalls der zunehmende Direktverkauf von Herstellern, die damit den Fachhandel umgehen. Eigene Markenläden werden eröffnet, gefragte Modelle nur noch an wenige ausgewählte Händler geliefert. Klassische Schuhgeschäfte gehören da meist nicht mehr dazu.

800 bis 1000 Quadratmeter als ideale Ladengröße

Mit diesen Herausforderungen lebt auch ein Filialist wie Schuh Marke. 21 Läden in der Pfalz, in Mülheim-Kärlich, Hockenheim sowie in Saarbrücken und Luxemburg betreibt das Hauensteiner Familienunternehmen, das die Gründerin Luise Marke mit ihrem Sohn Mike Marke führt. Verkauft werden Damen-, Herren- und Kinderschuhe verschiedener Marken, wobei die Zielgruppe der 15- bis 25-Jährigen kaum noch eine Rolle spielt – diese haben meistens nur noch bestimmte Lifestyle-Marken im Blick, hat Mike Marke festgestellt. Durchschnittlich 800 bis 1000 Quadratmeter groß sind die Verkaufsflächen, eine ideale Größe für den Unternehmer. Es gibt noch einen Onlineshop, jedoch mit einem sehr geringen Anteil.

Auch Schuh Marke hat im ersten Halbjahr den Umsatz gesteigert, um elf Prozent im Vorjahresvergleich. Dazu haben aber fast zur Hälfte Preissteigerungen beigetragen. Denn die industriellen Erzeugerpreise sind gestiegen – im ersten Halbjahr 2023 um über acht Prozent laut dem Bundesverband der Schuh- und Lederwarenindustrie.

Hohe Mieten in Städten oft ein Problem

Im Vergleich zum Vorkrisenjahr 2019 hätten sie enorm aufgeholt und rechneten nun mit einem Jahresumsatz von 24 Millionen Euro, sagt Mike Marke. Auf dem Stand vor der Pandemie seien sie aber noch nicht. Auch wegen der hohen Betriebskosten. Vor allem Mieten und Mietnebenkosten drücken die Erfolgsrechnung. Viele Eigentümer hätten Mieten erhöht, stellt er fest – ob in City-Lage oder im Gebiet der Fachmärkte. Das seien zwar vertragliche Indexierungen, aber ein Vermieter müsse dem ja nicht folgen. Hohe Mieten passten zudem nicht mehr zur abnehmenden Frequenz in Innenstädten. Kritisch sieht er da manche Bestrebung, Städte attraktiver zu machen. Wenn etwa Parkgebühren steigen und Autos ganz aus der City verschwinden sollten, werde dies das Geschäft des Handels erschweren. Dabei lebten Städte doch auch von Käufern aus ihrem Umland.

Ein weitere Herausforderung ist für Marke die Rekrutierung von Nachwuchs. 170 Menschen beschäftigt das Unternehmen, darunter vier Auszubildende. Sie hätten gerne mehr Azubis, sagt Marke, doch es kämen kaum noch Bewerbungen. Dabei sei Ausbildung unerlässlich – weil Beratung und Service ganz wichtig seien. Gerade bei Komfortschuhen erwarteten Kunden diese Beratung.

Sieben Bedienungszonen im Geschäft

Auf Service setzen auch Edmund und sein Sohn Marcus Keller-Leist, die geschäftsführenden Gesellschafter von Schuh Keller. Dazu gehört neben der Beratung durch geschultes Personal ein umfangreiches Sortiment mit großem Warenlager. Plus ein Platz auf einem ihrer Sofas für die Anprobe von Schuhen und Socken, dazu Kaffee oder Wasser. Sieben Bedienungszonen gibt es in der unteren Etage, 15 Mitarbeiter inklusive zwei Auszubildende kümmern sich um Kunden in gediegener Kaffeehaus-Atmosphäre.

Seit 1978 gibt es dieses Ladenkonzept und es hat sich für Edmund Keller bewährt, wobei das Geschäft in der eigenen Immobilie regelmäßig modernisiert und ergänzt wurde. Etwa um die Whiskey-Bar, der übrigens nicht nur die Herren, sondern auch Damen gerne zusprechen. Das Ambiente sei wichtig, verdeutlicht Edmund Keller: Sie müssten sich schließlich um ihren Geschäftsstandort kümmern – damit die Leute zu ihnen fänden, auch wenn außen herum Gras wachse.

Kaum Laufkundschaft, keine Rabattschlachten

Und Kunden finden den Weg zu ihnen, selbst aus Städten wie Frankfurt, Karlsruhe und München. Laufkundschaft gibt es kaum, Rabattschlachten gar nicht. Ihr Angebot an Damen- und Herrenschuhen liegt im höherpreisigen Segment, dazu gibt es Spezialitäten wie exklusive Herrenschuhe und bereits seit 1954 Berg- und Wanderschuhe. Outdoorschuhe werden seit 1998 auch im Onlineshop verkauft. Der wurde so konzipiert, dass in einer knappen Viertelstunde eine Online-Bestellung erledigt und der Schuh verpackt sein kann.

Auch bei Kellers spüren sie den rauen Wind, der im Schuhhandel bläst. Geldverdienen sei in ihrer Branche schwierig geworden, sagt der Seniorchef. Konnte ein Händler in den 70er- und 80er-Jahren im Durchschnitt bis zu 15 Prozent an einem Schuhpaar verdienen, liege der Verdienst heute im niedrigen einstelligen Bereich. Dennoch ist er nicht unzufrieden. Ihr Geschäft sei stabil. Sie verkauften zwar weniger Schuhe als vor zehn, 15 Jahren, dafür aber teurere Ware.

Schuhsalons wie dieser machen sich allerdings rar. Ist das klassische Schuhgeschäft also doch ein Auslaufmodell? Nein, sagt Edmund Keller. Im Gegenteil. Aber das Angebot müsse stimmen, die Auswahl, der Service – und der Einkauf ein Erlebnis sein.

Auch die Industrie braucht den Fachhandel

„Wir brauchen Service.“ Das sagt auch Schuhproduzent Carl-August Seibel aus Hauenstein. Er verkauft Damen- und Herrenschuhe weltweit über etwa 1500 Händler, überwiegend Einzelhändler. Und er kennt die Anforderungen seiner Kollegen, deren Interessen er als Präsident des Bundesverbandes der Schuh- und Lederwarenindustrie vertritt. Der Online-Handel werde zulegen, sagt er, aber der Fachhandel solle eine wichtige Säule bleiben.

Vor allem zwei Formate haben aus seiner Sicht Zukunft. Einmal das klassische Fachgeschäft mit einem zielgerichteten Angebot und Spezialisierung. Ein Geschäft mit gutem Service – „wo Verkäufer auch mal auf dem Boden herumrutschen, um Leute zu bedienen“. Außerdem größere Händler am Stadtrand, in der Nähe weiterer Märkte. Eines ist für Seibel in allen Fällen unverzichtbar: Schuhkauf muss ein Erlebnis sein.

Dieser Artikel stammt aus der RHEINPFALZ am SONNTAG, der Wochenzeitung der RHEINPFALZ. Digital lesen Sie die vollständige Ausgabe bereits samstags im E-Paper in der RHEINPFALZ-App (Android, iOS). Sonntags ab 5 Uhr erhalten Sie dort eine aktualisierte Version mit den Nachrichten vom Samstag aus der Pfalz, Deutschland und der Welt sowie besonders ausführlich vom Sport.

Filialisten-Konzept: Beim Hauensteiner Schuhhändler Schuh Marke kann sich der Kunde auf größerer Fläche auch selbst bedienen.
Filialisten-Konzept: Beim Hauensteiner Schuhhändler Schuh Marke kann sich der Kunde auf größerer Fläche auch selbst bedienen.
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