Briefwahl
Schwierige Wahlprognose am Sonntagabend
Kurz vor der Landtagswahl gehen nicht nur die Wahlkämpfer in den Schlussspurt. Auch in den kommunalen Briefwahlbüros spricht man von einem temporeichen Ziellauf: Gut 42 Prozent der Wahlberechtigten in Rheinland-Pfalz haben bereits von der Briefwahl Gebrauch gemacht, Anfang März waren es noch 37 Prozent. Bislang erhielten rund 1,3 Millionen Menschen die Unterlagen – fast doppelt so viele wie bei der Landtagswahl 2016.
Bei einer angenommenen Wahlbeteiligung von rund 70 Prozent würde dies einen Briefwähleranteil von fast zwei Dritteln ausmachen. Bei der vorigen Landtagswahl lag er bei etwa einem Drittel, wie Landeswahlleiter Marcel Hürter mitteilt. Die Corona-Pandemie und die damit verbundene Angst vor Ansteckungen in größeren Menschenmengen sind die Ursache für den Briefwahl-Boom.
Briefwahl „eingepreist“
Den Umfrage-Instituten bereitet die große Menge an Briefwählern Sorgen. Am Wahlabend werden von den Demoskopen verlässliche Prognosen erwartet, die erste bereits unmittelbar nach Schließung der Wahllokale um 18 Uhr. Andrea Wolf von der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen spricht von einer „größeren Unschärfe“ als bei Wahlen, bei denen der Briefwahlanteil nicht so hoch ist. Denn die abendliche Prognose basiert auf der Befragung von Wählern, die im Wahllokal ihre Stimme abgegeben haben. Die daraus gewonnen Werte fließen nach Wolfs Worten in eine Modellrechnung ein. Diese sei jedoch bereits angepasst worden. Der höhere Briefwahlanteil wurde „eingepreist“, wie genau ist das Geheimnis der Demoskopen. Gleichwohl, so Wolf, blieben „erschwerte Bedingungen“.
Denn das mit dem „Einpreisen“ ist so eine Sache. Rainer Faus, Geschäftsführer der Berliner „pollytix“-Meinungsforschungsagentur, kennt die Tücken von Umfragen. Wenn Werte aus verschiedenen Erhebungen zusammengemischt würden, könne das auch schief gehen. Als Beispiel nennt Faus Prognosen im Jahr 2015 über den Volksentscheid in Hamburg zur Bewerbung der Stadt als Austragungsort der Olympischen Spiele. Das Referendum scheiterte, wenn auch knapp. Zuvor war von Instituten eine Zustimmung von fast 70 Prozent prognostiziert worden.
Parteien warten ab
Mit Briefwahl hat das nichts zu tun, sondern mit den generellen Unsicherheitsfaktoren, die auch Andrea Wolf von der Forschungsgruppe Wahlen kennt. „Neben den statistischen Fehlerbereichen sind zum Beispiel auch einige Tage vor der Wahl viele Befragte noch nicht sicher, ob sie zur Wahl gehen und wen sie wählen werden.“ Was die 18-Uhr-Prognose angeht, ist man auch in den Parteien und in der Landesregierung dieses Mal vorsichtiger als sonst. Regierungssprecherin Andrea Bähner von der Mainzer Staatskanzlei befürchtet, dass Aussagen zum Wahlausgang erst später getroffen werden als in den Jahren zuvor. Ähnlich sieht man es auch in der Parteizentrale der CDU.
CDU als Briefwahl-Profiteur?
Für die politischen Konkurrenten von großem Interesse ist natürlich die Frage, wem ein hoher Briefwähleranteil nützt. Der Hamburger Matthias Moehl, der das Internetportal „election.de“ betreibt und für Rheinland-Pfalz sogar Prognosen für jeden einzelnen Wahlkreis anbietet, hat sich mit dem Typus des Briefwählers beschäftigt. Früher sei der Anteil von Unionswählern unter den Briefwählern höher als bei den Urnenwählern gewesen. „Aus den Wahlen der vergangenen Jahre wissen wir aber, dass sich die Parteienpräferenz von Briefwählern mittlerweile nicht nennenswert von jener der Urnenwähler unterscheidet“, sagt der Diplom-Informatiker.
Auch Rainer Faus glaubt, dass sich bei der Zusammensetzung der Briefwähler einiges geändert hat. „Typische Briefwähler waren bisher eher gebildete, eher ältere Menschen. Der hohe Anteil von Briefwählern bei den aktuellen Landtagswahlen spricht dafür, dass diese Typologie nicht mehr alleine zutrifft.“ Allerdings könnte es tatsächlich einen Profiteur der Briefwahl geben. Und das hat mit deren frühem Start zu tun. Vor dem Hintergrund der Korruptionsvorwürfe gegen Abgeordnete der CDU-Bundestagsfraktion vermuten Demoskopen, dass einige Briefwähler ihr Kreuz heute nicht mehr bei den Christdemokraten machen würden. Faus: „Für die CDU könnte es sich auszahlen, dass sich viele Wahlberechtigte schon früh für die Briefwahl entschieden haben – als die CDU im Bundestrend noch sehr gute Werte hatte und der Landtagswahlkampf noch nicht so präsent war.“