Interview
Schweigen über Wahlentscheidung: „Die meisten wollen keinen Stress“
Herr Kliche, in Deutschland gibt man nicht so gerne preis, welche Partei man wählt. Oder täuscht dieser Eindruck?
Worüber man leicht redet, ist vom Alltagsbewusstsein bestimmt: Wir haben gelernt, worüber und wie man im Alltag plaudern kann und wann man in Ärger läuft. Das Wetter zum Beispiel ist ein Klassiker, dazu können alle was sagen, und es ist nicht anstößig. Es sei denn, Sie kommen gleich auf Dürre und Klimakollaps zu sprechen – da haben Sie die Grenze des Alltagsbewusstseins überschritten. Wir haben verinnerlicht, wie wir Konflikte vermeiden, die wir für nicht lohnend oder nicht lösbar halten. Die Ärger-Themen nehmen dabei eher zu. Wir haben ja seit fünf Jahren eine starke, aber verunsicherte Politisierung unserer Gesellschaft erlebt – durch mehrere Krisen und den dadurch entstandenen Populismus – Fluchtbewegungen, Klimakollaps, zuletzt Corona. Aber im Grunde ist uns schon seit der Finanzkrise und den griechischen Staatsschulden klar, dass die Zeiten rau werden. Die Auseinandersetzungen waren überwiegend unerfreulich, mit viel bösen Gefühlen, viel Streit und wenig überzeugenden Ergebnissen. Da überlegen sich viele Menschen zweimal, mit wem sie über ihre Wahlentscheidung offen sprechen.
Dass die meisten das Wahlgeheimnis für sich in Anspruch nehmen, reduziert also die Konflikte in der Gesellschaft?
Klar, das ist eine Technik, um Streit zu dosieren. Wer ständig kontroverse Ansichten vor sich herträgt, hat auch ständig sozialen Stress. Das wollen die meisten vermeiden.
Selbst im Verwandten- und Freundeskreis ist so mancher vorsichtig. Hört bei der Politik die Freundschaft auf?
Es geht nicht mehr nur um Politik. Seit Beginn der Corona-Krise berichten immer mehr Menschen von verschwörungstheoretischen Verirrungen ihrer Angehörigen, die wissen oft gar nicht mehr so recht, wie und worüber man mit denen reden kann. Da geht es also um die Verlässlichkeit unserer gesellschaftlichen Zusammenhänge überhaupt: Verschwörungstheoretische Standpunkte bedeuten ja immer auch, Medien und Wissenschaft, Justiz und Schulen sind manipuliert oder böse – und damit hat man eigentlich nur noch seine Überzeugungen und die seiner Kumpane und Filmchen im Internet, an denen man sich festhalten kann.
Fürchtet vielleicht so mancher auch, dass sein Umfeld versuchen könnte, ihn von der angekündigten Wahlentscheidung abzubringen?
Die Bedeutung sozialer Milieus für die Wahlentscheidung hat stetig abgenommen, die sind nicht mehr stark bindungsfähig. Aber es gibt schon soziale Beziehungen, wo bestimmte politische Haltungen deutlich rausfallen würden. Wenn Sie in der jüngeren akademischen Mittelschicht in einer Großstadt mit Wucht den Populismus vertreten, werden Sie wahrscheinlich Widerstände erleben. Sie müssen sich als Minderheit gut informieren und viel Zeit für die Verteidigung Ihrer Position aufwenden. Die meisten Menschen wollen das nicht, sie investieren wenig Zeit und Wissen in politische Entscheidungen. Es gibt seit Jahrzehnten diese oberflächlichen Urteilsprozesse und erschreckende Wissenslücken über Politik, Wirtschaft und Gesundheit bei vielen Menschen. Oft werden Fußballspiele oder Promi-Scheidungen mit mehr Wissen und Sorgfalt kommentiert als politische Ereignisse.
Umgekehrt: Unter welchen Bedingungen sagen Menschen, was sie wählen?
Meist nur, wenn sie das Gefühl haben, Speerspitze einer starken, überlegenen Gruppe zu sein, wie es beim Populismus war, bevor Corona losging, oder wenn sie ein Anliegen aus tiefer Überzeugung haben. Aber auch, wenn sie sich gegenseitig bekräftigen können, in einer Umgebung, wo alle ungefähr der gleichen Meinung sind. Das lotet man rasch aus, etwa, wenn man sich in ein Taxi oder ein Zugabteil setzt: Man stellt ein, zwei Testfragen und weiß schon ungefähr, wohin der Stecken schwimmt.
Blicken wir mal ins Ausland: Von Präsidentschaftswahlen in den USA kennt man ja die Bilder von Wählern, die ihr Auto oder ihr Haus mit Bannern oder Fähnchen ihres Favoriten schmücken. Was ist dort anders als bei uns?
Die Parteien dort sind große, allgemein akzeptierte Gruppen, und durch die politischen Einrichtungen dauernd zur Zusammenarbeit gezwungen. Man wurde nicht wegen einer Partei ausgegrenzt. Mit Trump dürfte sich das nachhaltig geändert haben: Dessen Position bestand ja aus Angriffen auf Gruppen oder Nationen, die menschlich abgewertet wurden, aus Angriffen auf das politische System und die Medien. Traditionell hatten die amerikanischen Parteien große Überlagerungen in ihrer Politik, und der Wahlkampf war auch immer ein bisschen Rummel. Das ist übrigens eine historische Errungenschaft, da gab es schließlich vor 150 Jahren Bürgerkrieg.
Nicht jedes Land hat ein so stabiles Parteiensystem wie die USA.
Ja, aber das Gegenteil kann das offene Gespräch über politische Ansichten auch befördern. Schauen Sie nach Italien, wie sich die Parteien fieberkurvenartig entwickeln, manche rasch aufsteigen, wieder zusammenbrechen, neue dazukommen, andere langsam austrocknen, in ständig neuen Koalitionen und relativ instabilen Regierungen. Da weiß jeder: Wenn ich mich zu einer Partei bekenne, dann ist das nicht Teil meiner Persönlichkeit, damit kann ich eher spielerisch umgehen. Das bedeutet dort keine starke inhaltliche und menschliche Festlegung. Die Person geht nicht in dieser Parteipräferenz auf, man probiert mal dies, mal jenes. Aber auch in Deutschland gibt es da einen Strukturwandel.
Wie meinen Sie das?
Auch bei uns fassen die Menschen die real existierenden Parteien zunehmend als Notlösung auf. Die Bindungen lösen sich auf, die Schwächen der Parteien sind selbst denjenigen deutlich, die sie wählen. Dadurch können Parteinähe und Wahlverhalten sehr schnell schwanken. Das sieht man besonders in Ostdeutschland. Dahinter steckt die tiefe Enttäuschung von der Vereinigung, für die viele mit ihrer Existenz bezahlt haben, also vom aufgezwungenen sozialen Wandel. Und von dem haben wir alle noch viel vor uns – globale Digitalisierung, Klimakollaps, wuchernde Ungleichheiten. Und das spüren die Menschen. Das Ergebnis ist Verunsicherung und Empfindlichkeit, was man von Parteien überhaupt noch erwarten kann. Und wieder sind das grundlegende Fragen, über die man ungern leichthin plaudert.
Und welche Partei wählen Sie bei der Bundestagswahl, Herr Kliche?
Das habe ich noch nicht entschieden.
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