USA RHEINPFALZ Plus Artikel Schon wieder Unruhen in Minneapolis

Die Lage in Minneapolis ist ohnehin angespannt wegen des Prozesses gegen den Polizisten, der für den Tod des Afroamerikaners Geo
Die Lage in Minneapolis ist ohnehin angespannt wegen des Prozesses gegen den Polizisten, der für den Tod des Afroamerikaners George Floyd im Mai 2020 verantwortlich ist.

Die Stadt Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota kommt nicht zur Ruhe. Ausgerechnet inmitten des Prozesses im Fall George Floyd wird wieder ein Afroamerikaner bei einer Polizeikontrolle getötet. Die Behörden befürchten eine neuerliche Eskalation der Gewalt.

Tim Walz, der Gouverneur Minnesotas, versuchte erst gar nicht, seinen Frust zu verbergen. Es sei dringend geboten, Polizeireformen zu beschließen, mahnte er, nachdem eine anfangs harmlos scheinende Kontrolle schon wieder mit dem Tod eines Afroamerikaners endete. Bereits im Mai vor einem Jahr, nach der Tötung George Floyds, hätte das Parlament seines Bundesstaats handeln müssen, betonte der Demokrat. Und nun, ausgerechnet während des Gerichtsverfahrens in Sachen George Floyd, während eines Prozesses, auf den die Welt schaue, wiederhole sich das Ganze.

Ein Zwanzigjähriger, Daunte Wright, nicht mehr am Leben, eine Familie am Boden zerstört, eine Stadt, in der die Nerven blank liegen: „Wir sollten endlich aufhören, so zu tun, als wäre dies die natürliche Ordnung des Universums, als könne man nichts dagegen machen“, sagt Walz.

Ein Video schockiert Amerika

Wieder ist es ein Video, das eine Protestwelle ins Rollen bringt. Aufgenommen von der Body-Cam einer Polizistin, dokumentiert es eine furchtbare Tragödie in Brooklyn Center, einem Vorort von Minneapolis. Nach Darstellung der Behörden war Daunte Wright von einer Patrouille angehalten worden, weil mit den Nummernschildern des Buick, in dem er saß, etwas nicht stimmte. Die Zulassung war abgelaufen, wobei aufgebrachte Bürger der Gemeinde darauf verweisen, dass die Zulassungsbehörde, die pandemiebedingt lange nur im Notbetrieb arbeitete, Monate im Verzug ist. Als sich ein Beamter dem Fahrzeug näherte, entdeckte er zudem einen Duftspender, der am Rückspiegel baumelte: In Minnesota ist es verboten, etwas an den Rückspiegel zu hängen. Schließlich ergab eine Computerrecherche, dass es wegen einer kleineren Straftat einen nicht vollstreckten Haftbefehl gegen Wright gab.

Er musste aussteigen, ein Polizist legte ihm Handschellen an, doch bevor die klickten, riss sich Wright los, sprang ins Auto und machte offenbar Anstalten, davonzufahren. In dem Moment, auch dies dokumentiert das Video, warnte ihn eine Uniformierte namens Kim Potter, die Chefin der Patrouille, dass sie von ihrer Elektroschockpistole Gebrauch machen werde. „Taser! Taser! Taser!“, schrie sie, bevor sie feuerte. Und dann: „Holy shit, I shot him“.

Pistole und Taser verwechselt?

Potter hatte ihren Elektroschocker mit ihrer Dienstwaffe verwechselt und aus dieser einen Schuss abgegeben. Die Kugel muss Wright, den Vater eines zweijährigen Jungen, tödlich getroffen haben. Zwar gab er noch Gas, doch kurz darauf prallte sein Buick La Crosse gegen ein anderes Auto. Rettungssanitäter konnten nichts mehr tun. Tim Gannon, der Polizeichef von Brooklyn Center, sprach von einer versehentlichen „Schussabgabe“.

Katie Wright, Dauntes Mutter, beschrieb im Interview mit einem Lokalsender, wie sie die Eskalation aus der Ferne erlebte. Ihr Sohn, schilderte sie, habe angerufen, um nach der Versicherung für den Wagen, ein Geschenk seiner Eltern, zu fragen. „Ich hörte, wie ein Officer sagte, legen Sie das Handy weg und steigen Sie aus. Daunte, renn’ nicht weg, sagte er als Nächstes, während ein anderer wiederholte, er solle das Telefon aus der Hand legen.“ Die Verbindung brach ab. Als es Katie Wright eine Minute später noch einmal versuchte, ging nicht ihr Sohn ans Handy, sondern dessen Freundin, die auf dem Beifahrersitz saß. Daunte sei erschossen worden.

Ein sattsam bekanntes Muster

Eine Routinekontrolle, die völlig aus dem Ruder läuft: Dergleichen hat sich schon zu oft wiederholt, gerade wenn Menschen mit dunkler Haut hinterm Lenkrad sitzen. Der Fall erinnert an Walter Scott, einen Afroamerikaner aus South Carolina, der Ostern 2015 gestoppt wurde, weil eines der Bremslichter seines alten Mercedes nicht funktionierte. Aus Angst vor einer Verhaftung trat Scott die Flucht an, worauf der Polizist, der ihn gestoppt hatte, mehrfach auf seinen Rücken zielte.

Nun Daunte Wright. Einen schlechteren Zeitpunkt hätte es nicht geben können, meint Mike Elliott, der schwarze Bürgermeister von Brooklyn Center. In Minneapolis geht die Verhandlung gegen Derek Chauvin, den Beamten, der sein Knie neun Minuten lang in den Nacken George Floyds drückte, in ihre letzte Phase. Die Nerven sind so schon zum Zerreißen gespannt, denn ein mildes Urteil könnte Unruhen provozieren.

Biden mahnt zur Besonnenheit

Brooklyn Center wurde trotz einer von 19 bis 6 Uhr geltenden Ausgangssperre an zwei Abenden hintereinander Schauplatz heftiger Proteste. Dutzende Demonstranten versammelten sich, Parolen skandierend, vor der örtlichen Polizeistation. „Bin ich der Nächste?“, war auf Postern zu lesen. In der Nähe plünderten Trittbrettfahrer des Aufbegehrens eine Filiale von Dollar Tree, einer Billigkette.

US-Präsident Joe Biden rief unterdessen dazu auf, Ruhe zu wahren. Friedliche Demonstrationen seien verständlich, sagte er, für Plünderungen könne es allerdings keinerlei Rechtfertigung geben.

Mehr zum Thema
x