Russland / Ukraine
Russischer General beschimpft Armee-Chefs – Raketeneinschlag in seinem Hotel
Er habe nie Unterschiede gemacht zwischen Schützen und Generalmajors. „Wir sterben, wir kämpfen, wir fürchten uns und leiden alle gleich“, erklärte Frontkommandeur Iwan Popow in einem Audioblog an die Soldaten der von ihm befehligten 58. Armee. Darin eröffnete Popow, Codenamen „Spartak“, seinen „geliebten Gladiatoren“, man habe ihn entlassen. Vorher sei er in eine „schwierige Situation gegenüber dem Oberkommando“ geraten, habe dabei die Dinge beim Namen genannt: „Das sind das Fehlen von Artillerbekämpfung, das Fehlen von Artillerieaufklärungstechnik, der massenhafte Untergang und die Verwundungen unserer Brüder durch die Artillerie des Gegners.“
Offenbar Streit mit Generalstabschef
Der drahtige Generalmajor (48) wurde offenbar nach einer Lagebesprechung des Oberkommandos der Ukraine-Streitmacht am Montag entlassen, bei der sich Popow angeblich mit Generalstabschef Waleri Gerassimow gestritten hatte. Laut dem US-Kriegsforschungsinstitut ISW verlangte Popow eine Kampfpause für mehrere seiner Truppenteile und drohte, sich direkt an Präsident Putin zu wenden. Gerassimow warf ihm Panikmache und Erpressung vor.
Am Dienstagabend veröffentlichte der Duma-Abgeordnete und TV-Propagandist Andrej Guruljow Popows Rede auf seinem Telegramkanal. Das löste einen politischen Skandal aus. Denn der gefeuerte Generalmajor macht offen Front gegen seine Chefs, die ihn aus Angst abgesetzt hätten, er könne ihnen gefährlich werden. „Das war ein Stoß unseres Hauptvorgesetzten von hinten, mit dem er im schwersten Moment unsere Armee verräterisch und gemein enthauptet hat“, so Popow. Es ist unklar, ob der Generalmajor damit Gerassimow oder Verteidigungsminister Sergej Schoigu meint. Aber seine von Empörung getränkte Gladiatoren-Rhetorik lässt vermuten, dass er sich der Zustimmung seiner Offiziere und Soldaten sicher ist. Und dass der seit Monaten rumorende und Ende Juni im Putschversuch der Wagner-Söldner eskalierende Unmut in der Truppe weiter wächst.
Forbes: Ukraine gewinnt Krieg der Artillerie
Popows Klage über den massenhaften Untergang seiner Soldaten durch das feindliche Artilleriefeuer bestätigt außerdem die jüngsten westlichen Berichte über die Erfolge der ukrainischen Gegenoffensive.
Laut „Forbes“ hat die Ukraine seit deren Start auf dem Schlachtfeld im Süden der Region Donezk und in Saporischschja acht Geschütze und Raketenwerfer verloren, Russland aber 32. Die Monitoring-Gruppe Oryx, die die gesamte Front beobachtet, meldete sechs Geschütze und zwei Raketenwerfer der Ukraine als zerstört – gegenüber 25 Geschützen und 28 Raketenwerfern, die Russland verloren habe. „Die Ukraine“, schreibt Forbes, „gewinnt den Krieg der Artillerie.“ Wagnerchef Jewgenij Prigoschin, ein Intimfeind Schoigus, hatte schon Wochen vor seiner Revolte von einer „katastrophalen Situation“ an der Saporischschja-Front geredet. Popows Auftritt lässt vermuten, dass viele hohe Offiziere diese Ansicht teilen.
Toter Leutnant bei rätselhaftem Raketeneinschlag
Das offizielle Moskau versucht, die Dinge zu beschönigen. Der Chef des Duma-Ausschusses für Verteidigung, Generaloberst Andrei Kartapolow, sagte dem Portal ura.ru, die Zuständigen hätten die Probleme, die Popow ansprach, zur Kenntnis genommen. „Man hat ihn gehört und gesehen und wird Maßnahmen ergreifen.“
Über die Art der Maßnahmen indes kursieren wilde Vermutungen. Der Telegram-Kanal Dossje Schpiona schreibt, am Dienstag sei eine ukrainische Storm-Shadow-Rakete in dem Hotel in Berdjansk eingeschlagen, wo Iwan Popow wohnte. Nur zufällig habe sie statt ihm Generalleutnant Oleg Zokow getötet.