Interview
Reinhold Messner: „Was ich getan habe, war rücksichtslos“
Herr Messner, Sie feiern am Dienstag Ihren 80. Geburtstag. Leiden Sie auf Ihre alten Tage an Größenwahn?
Ich glaube: im Gegenteil. Ein Größenwahnsinniger war ich nie. Ich bin ein Macher. Aber vielleicht sollte ich die Beurteilung lieber den Fachleuten überlassen. Doch dafür müsste ich zum Psychologen gehen. Aber warum fragen Sie eigentlich, ob ich größenwahnsinnig bin?
Weil Sie Ihrem neuen Buch dieses Zitat vorangestellt haben: „Ein Luftgänger ist ein Mensch, der nur auf sein Herz hört. Er gehorcht niemandem auf der Welt. Er tut, was er will. Der Luftgänger hat vor nichts und niemandem Angst, vor allem nicht vor sich selbst. Und weil er keine Angst hat und immer auf sein Herz hört, kann er durch die Luft gehen.“ Können Sie auch durch die Luft gehen?
Ich habe das Zitat gewählt, weil es gut zum Thema meines Buches passt: Gegenwind. Gegenwind beflügelt. Im Gegenwind kann man abheben und fliegen, mit Rückenwind geht das nicht. Ich will allen Menschen sagen: Lasst Euch nicht einschränken und unterbuttern. Haltet Gegnerschaft und Gegenwind stand, dann könnt Ihr über Euch selbst hinauswachsen und fliegen.
Ein Luftgänger kann auch egoistisch und rücksichtslos sein.
Was ich getan habe, war eindeutig egoistisch und rücksichtslos. Auch wenn ich die Abfallprodukte – Bücher und Vorträge – meiner Unternehmungen verkauft habe, um mein Leben zu gestalten und um meiner Familie ein gutes Auskommen zu ermöglichen, ist es natürlich an sich völlig unnütz, durch die Antarktis zu laufen oder auf den Everest zu steigen. Dadurch, dass ich bewusst in Kauf genommen habe, dabei umzukommen, wurde es auch noch absurd.
Wem gegenüber haben Sie sich rücksichtslos verhalten?
Gegenüber den Menschen, für die ich Verantwortung getragen habe. Zum Beispiel gegenüber meiner Mutter. Sie hat es nie mit Freuden gesehen, dass ich immer wieder in den Himalaya reiste. Sie wusste, dass da dauernd Leute umkommen. Ich bin trotzdem losgezogen.
Die meisten Menschen sind harmoniebedürftig. Aber Ihr Leben scheint neben dem Bergsteigen vor allem aus Streit zu bestehen. Sie stritten und streiten sich mit Ihrer Familie, Expeditionsteilnehmern, einem Forscher, der behauptet, Sie seien vor fast 40 Jahren nicht auf dem Gipfel der 8091 Meter hohen Annapurna gewesen, dem Alpenverein und vielen anderen. Andere Menschen werden altersmilde, werden Sie altersstarrsinnig?
Ich streite mich ja gar nicht mehr. Ich stelle in meinem neuen Buch nur zusammen, was für einen Blödsinn viele Menschen über mich gesagt und geschrieben haben. Heute kann ich darüber teilweise lächeln. Und ich bin den vielen Kritikern, die ich hatte, dankbar. Ohne sie wäre ich nie so erfolgreich geworden.
Schuld waren also immer die anderen?
Ich rede nicht von Schuld. Ich fand zum Teil die Dummheit der Gegner, die mich herausgefordert haben, toxisch. Zum Teil war es Böswilligkeit, und alles konnte ich mir nicht gefallen lassen.
Sind Sie streitsüchtig?
Jetzt nicht mehr, aber früher habe ich mich ganz gern ab und zu gehakelt.
In Ihrem Buch „Gegenwind“ findet man kaum Selbstkritisches oder Selbstironisches. Das ist ungewöhnlich für eine moderne Biographie. Ist Ihnen nichts Negatives über sich selbst eingefallen?
Was die Selbstironie betrifft: Ich bin kein Engländer. Und zur Selbstkritik: Ich finde sehr wohl, dass auch Negatives über mich im Buch steht. Es ist nicht die Biografie eines braven Mannes. Aber ich wollte auch nie ein braver Mensch sein.
Ihr Sohn Simon hat einmal über Sie gesagt, dass sie streng und abwesend waren.
Abwesend – ja, streng sicher nicht. Ich war viel zu gutmütig, hätte strenger sein sollen.
Simon sagte auch, dass es nicht leicht war, der Sohn einer Legende zu sein.
Das stimmt sicher, aber dafür kann ich nichts.
Haben Sie Kontakt zu Ihren vier Kindern?
Simon habe ich vor Kurzem getroffen.
Gerade streiten Sie sich mit Ihren Kindern öffentlich um Ihr finanzielles Erbe. Wie wichtig ist Ihnen Geld?
Geld war mir nie wichtig, sonst hätte ich es nicht verschenkt.
Sie waren oft alleine in der Wildnis unterwegs. Aber nachdem Ihre zweite Frau sich vor fünf Jahren von Ihnen trennte, sind Sie sehr schnell mit Ihrer neuen Frau Diane zusammengekommen. Hatten Sie Angst davor, im Alter allein zu sein?
Ja, ich hatte Angst, im Alter allein zu sein. Ich war acht Monate lang ein klassischer Single. Ich bin damit zurechtgekommen, ja, aber es war nicht meine Wunschvorstellung vom Altern. Doch hatte ich mich fast damit abgefunden, dass mein Lebensende langsam und einsam über mich kommt. Ich hatte allerdings große Angst, dass ich in der Früh aufstehe, mir einen Kaffee mache, mich damit in die Sonne oder den Schnee setze und auf den Abend warte. Das wäre für mich die Hölle gewesen.
Ihre Frau ist 35 Jahre jünger als Sie. Hält Sie das jung?
Ja, Diane ist für mich ein Jungbrunnen. Aber für sie ist es nicht einfach, weil sie weiß, dass ich früher oder später das Zeitliche segnen werde und sie dann allein dastehen wird. Aber sie ist eine starke Frau, die in der Lage ist, das Leben auch alleine zu meistern, auch wenn es Leute gibt, die von außen versuchen, unser Leben zu stören.
Wer versucht, Ihr Leben zu stören?
Meine Familie versucht alles, um Diane auszugrenzen. Zu den Gründen dafür werde ich mich nicht äußern.
Sind oder waren Sie krankhaft ehrgeizig?
Ich war und bin ehrgeizig. Dass ich krankhaft ehrgeizig sei, behaupten andere über mich.
Stehen Sie noch gerne in der Öffentlichkeit?
Ich habe einmal in Mailand vor 10.000 Leute gesprochen. Danach habe ich gesagt: Jetzt verstehe ich Hitler. Es war berauschend. Und Goebbels konnte das ja noch viel besser. Hitler und Goebbels haben im Rausch geredet, auch wenn sie natürlich viel Unsägliches erzählt haben.
„Unsägliches“ ist für tödliche Demagogie wohl nicht der richtige Ausdruck. Warum haben Sie ausgerechnet den Hitler-Vergleich gewählt?
Ich weiß es nicht. Es hatte wohl damit zu tun, dass das Getragensein mir das alles zugespielt hat: Die Energie, die Kraft, die Worte, die Sätze. Es war nicht schwierig, alles wurde leichter.
Sie schreiben in Ihrem Buch: „Die Selbsterfahrung zwischen Durchkommen und Umkommen lässt alle Masken fallen, wir erfahren dabei viel über uns selbst. Auch allzu Menschliches, das wahre Gesicht, den Abgrund in uns.“ Was sind die Abgründe in Ihnen?
Wenn man mich noch mehr gereizt hätte, wäre ich im Gefängnis gelandet. Auch wenn ich genau weiß, dass meine Abgründe nicht so tief sind, dass ich jemanden töten könnte.
Haben Sie Angst vor dem Tod?
Nein. Mir war schon sehr früh klar, dass der Tod das bestimmende Element im Leben ist. Ich habe mein Leben nicht nach dem Tod ausgerichtet, aber ich konnte zum Glück die meisten meiner Visionen sehr früh umsetzen. Mir ist klar, dass ich nur noch eine kurze Halbwertszeit habe. Ich werde alt und zerbrechlich. Das ist ein schwieriger Prozess. Vor allem für mich, der ich immer alles machen konnte und jetzt vieles nicht mehr kann.
Was können Sie nicht mehr?
Extrem klettern kann ich schon nicht mehr seit mir vor 54 Jahren die Zehen abgefroren sind. Ich habe mir danach andere Herausforderungen gesucht. Aber was im Alter als Erstes nachlässt, ist die Geschicklichkeit. Dann folgen die Schnellkraft, die Ausdauer und die Konzentrationsfähigkeit.
Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?
Nein, ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod. Aber wir leben solange weiter, wie jemand an uns denkt.
Zur Person
Reinhold Messner wurde am 17. September 1944 in Brixen in Südtirol geboren und ist der berühmteste Alpinist der Welt. Er und Peter Habeler erreichten 1978 als erste Menschen ohne Flaschensauerstoff den 8848 Meter hohen Mount Everest, den höchsten Berg der Erde. Messner wuchs mit acht Geschwistern auf. Sein jüngerer Bruder Günther starb 1970 beim Abstieg vom 8125 Meter hohen Nanga Parbat, den die Brüder zuvor gemeinsam bestiegen hatten. Messner hat vier erwachsene Kinder. Am 28. Mai 2021 heiratete er seine dritte Ehefrau Diane Schumacher.