Meinung
Rechtschreibreform: Der Sieg der Sesselfurzer
Wer weiß, wie ein Festnetzanschluss mit Wählscheibe funktioniert, wird sich noch erinnern. Mehr Abendlanduntergang und Deutsch-Dämmerung waren selten als damals vor 25 Jahren, als beschlossen wurde, dass ein Kuß ein Kuss ist – und heute Mittag statt heute mittag Arm und Reich (arm und reich) Rad fahren will, nicht mehr radfahren.
Am 1. August 1998 wurde die Rechtschreibreform eingeführt. Die ist zwar nur für Schulen und offizielle Stellen bindend, galt aber inoffiziell als „menschenverachtendes Massenexperiment“, „staatlich verordnete Legasthenie“ oder anrüchiger „Amtsfetisch“ einiger „Sesselfurzer“, dem sich zu beugen verbat, wie der Dichter Hans Magnus Enzensberger meinte. Also ungeachtet der Tatsache, dass er das gar nicht musste.
Wie er, unterschrieben jedenfalls 100 Intellektuelle, darunter die Kollegen Grass, Walser und Lenz, einen Boykottaufruf. Lübecker Eltern reichten Verfassungsbeschwerde ein und verloren. Der Gymnasiallehrer Friedrich Denk avancierte zum Beharrungshelden und Freiheitskämpfer für das Fortgelten der subtilen Unterscheidung von Schifffracht (mit drei „f“) und „Schiffahrt“ (zwei „f“) aufgrund (auf Grund geht auch) des folgenden Konsonanten respektive Vokals.
Änderungen wieder geändert
Auch plädierten 84 Prozent der Deutschen für den Erhalt des Kommas zwischen zwei miteinander verbundenen Hauptsätzen und die Beibehaltung der Zusammenschreibung auch bei einem nicht verblassten Substantiv. Man wollte als vifer Max-Muster-Linguist weiter schlangestehen, nicht Schlange stehen vor – sei’s drum - „Erika’s Kiosk“. Es war der Rechtschreib-Hammer, würde es heute heißen. Und hätte es sie schon gegeben, die AfD wäre so mannhaft gescheitelt dagegen eingeschritten, wie – laut „Parteiprogramm“ – gegen „die Schmähung des Deutschen Kaiserreichs“ (mit seiner bis 1901 herrschenden Schreibweisen-Anarchie) und die „groteske Verunstaltung“ der deutschen durch die „gendergerechte Sprache“. Und apropos: Die Diskussionen um die Rechtschreibreform waren so etwas wie der Grundriss des seither statthabenden Kulturkampfes.
Was den damals unterscheidet allerdings, ist, dass er informierter geführt worden ist. Und dass die Diskussionen den meisten von uns – praktisch gesehen – genutzt haben. Vor allem die über die populären, Verwirrung stiftenden, vielfachen Revisionen (4000 von 10.000 neuen Wörtern) durch den seit 2004 statt des Dudens als Orthografie-Monopolist amtierenden Rat für Rechtschreibung. Dem gehören unter anderem auch Vertreter der Deutsch sprechenden belgischen Minderheit an. Und dessen Empfehlungen nickt die Kultusministerkonferenz nur ab.
Aus Majonäse jedenfalls wurde wieder Mayonnaise, die Ordnung im Tierreich (Grizzlybär statt Grislibär) ist auch wiederhergestellt. Kritiker der Reform verhöhnten die Schreibweise krank schreiben als krank, obwohl das die alte war.
Nebeneffekt der Änderungsänderungen: Selbst unser Leserbriefschreiber, Deutschlehrer R., wurde unsicher. Das heißt auch: Wer früher Schwächen hatte, war ab jetzt offiziell noch weniger allein. Rechtschreibunsicherheit als Gesellschaftskitt – konträr zum gesellschaftspolitisch tiefschürfenderen Genderthema, siehe da. Also, Contenance! Wer weiß? Vielleicht geht ja auch die Welt weiter nicht unter, wenn der Mensch für sein Facharbeiter-Bewerbungsmail die Trennung von Kos-ten googelt und die Sachbearbeiterin im Finanzamt die Autokorrektur benutzt. Denkbar ist nämlich (immer noch ohne „h“), dass die Kenntnis, ob es leid tun, Leid tun oder leidtun heißt, die Welt nicht viel besser macht. Oder sogar rettet.