Rechtschreibung
„Nationale Katastrophe“: Vor 25 Jahren wurde die deutsche Rechtschreibreform durchgesetzt
84 Prozent der Deutschen lehnten sie ab. Dabei sollte die deutsche Rechtschreibreform das Leben erleichtern und die teilweise komplizierten und widersprüchlichen Regeln vereinfachen. Bei den Kommata gab es großzügige Kann-Bestimmungen, substantivierte Adjektive oder Partizipien in festen Wortgruppen wie „im Dunkeln tappen“ wurden nun großgeschrieben.
Die modifizierte Orthografie trat vor 25 Jahren, zum 1. August 1998, in den Ländern Deutschland, Österreich, Liechtenstein und der Schweiz in Kraft. Bereits 1985 hatte ein aus 80 Germanistinnen und Germanisten bestehendes Gremium erste Vorschläge erarbeitet. Die Überlegungen wurden durch die zwei „Wiener Gespräche“ von 1986 und 1990 vorangetrieben, dabei blieb die umstrittene Groß- und Kleinschreibung vorerst ausgeklammert. Für die Umsetzung gab es eine Übergangsfrist bis zum 31. Juli 2005, bis dahin waren alte und neue Schreibweisen gleichermaßen gültig. Danach sollte die neue Rechtschreibung offiziell für alle Schulen und Amtsstuben verbindlich werden.
„Grislibär“ gab’s doch nicht
Doch ganz so einfach gestaltete sich die Einführung nicht. 2004 wurde unter dem Vorsitz des langjährigen bayerischen Kultus- und Wissenschaftsministers Hans Zehetmair der Rat für deutsche Rechtschreibung gegründet. Bis 2006 wurde das Regelwerk in besonders strittigen Punkten überarbeitet und die Wiederherstellung einiger alter Regeln. Ziel der Reform war die Rechtschreibung zu systematisieren und die Zahl der Regeln deutlich zu verkleinern. Einige besonders umstrittene Änderungen wie „Ketschup“, „Majonäse“ und „Grislibär“ wurden zurückgenommen.
„Von den rund 10.000 reformierten Duden-Einträgen wurden etwa 4000 nochmals geändert“, sagt der Erlanger Germanistikprofessor und Reformgegner Theodor Ickler. Aus dem Quentchen wurde das Quäntchen und aus dem Stengel der Stängel. Das Schloß verwandelte sich in Schloss, aus der Konjunktion „daß“ wurde ein „dass“, in Wörtern wie Nußschale folgte mit Nussschale nun der Buchstabe s sogar dreimal hintereinander. Substantivierungen in Verbindung mit einem Verb wie „Rad fahren“ (zuvor: radfahren) mussten großgeschrieben werden: Bei der Worttrennung durfte ein „st“ jetzt getrennt werden (Fens-ter, Kos-ten), „ck“ wurde nicht länger in „k-k“ aufgelöst.
Verbindliche Regeln erst seit 1901
Das alte Regelwerk hatte mehr als 100 Jahre gegolten. Bis ins Mittelalter hatten die meisten Menschen in ihren heimischen Dialekten gesprochen und ebenso geschrieben – falls sie es überhaupt konnten. Erst der Handel im Spätmittelalter sorgte für eine beginnende Vereinheitlichung der deutschen Sprache.
Noch im 18. Jahrhundert bestanden zwei konkurrierende Prinzipien: Neben dem phonetischen Grundsatz „Schreibe, wie du sprichst“ gab es eine historisch-etymologische Herangehensweise, die sich an der Wortgeschichte orientierte. Um das Jahr 1850 existierten noch immer stark voneinander abweichende orthografische Regelhefte der Schulverwaltungen einzelner Länder. Seit der Reichsgründung 1871 sollte die politische Einheit auch durch eine einheitliche Rechtschreibung dokumentiert werden. Trotzdem gab es noch keine verbindlichen Rechtschreibregelungen für den gesamten Sprachraum.
Gegen „Chicanen“ in der „Litteratur“
1880 erschien auf der Basis der Rechtschreibregeln, die der Germanist Wilhelm Wilmanns für die preußischen Schulen entwickelt hatte, der sogenannte „Urduden“. Das orthografische Wörterbuch des Gymnasialdirektors Konrad Duden schuf die Grundlagen einer einheitlichen deutschen Rechtschreibung. 1901 wurde auf der zweiten orthografischen Konferenz in Berlin erstmals ein für alle Länder im deutschen Reich verbindliches Regelwerk beschlossen. Dabei ging es hauptsächlich um die Vereinfachung kompliziert gewordener Regeln und Schreibweisen: Aus „Chicane“ wurde „Schikane“, aus „Litteratur“ „Literatur“ und aus „Noth“ „Not“.
Mit der ersten Nachkriegsausgabe des Dudens, der 13. Auflage aus dem Jahr 1947, kam der vorerst letzte gemeinsame Duden für ganz Deutschland in die Buchhandlungen. Nach der politischen Teilung in zwei selbstständige Staaten zerfiel auch der Rechtschreibduden in eine Ausgabe für die Bundesrepublik und eine für die DDR.
Schwächen trotz Vereinfachung
25 Jahre nach der Reform ist angeblich vieles einfacher geworden. Lernende sollen sich heute nicht mehr Sonderregelungen und Ausnahmen merken, sondern Strukturen verstehen und Analogien erkennen, um die korrekte Schreibung herleiten zu können. Nach einer Studie des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) der Humboldt-Universität Berlin aus dem Jahr 2022 erreichen allerdings 30 Prozent der Viertklässler in Orthografietests nicht einmal den Mindeststandard.
Neben den Diskussionen um die richtige Rechtschreibung entbrannte vor einigen Jahren eine emotionale Debatte über den geschlechtergerechten Sprachgebrauch in Wort und Schrift „das Gendern“. Das Wort „gender“ kommt aus dem Englischen und bedeutet Geschlecht. Für die einen ist es Ausdruck der Gleichstellung, für die anderen eine Bevormundung.
Mehrheit lehnt Gendern ab
Das „generisches Maskulinum“ spielt in diesem Zusammenhang eine große Rolle. Gemeint ist damit die geschlechtsübergreifende Verwendung eines maskulinen Wortes wie „der Arzt“ oder „die Ärzte“ für alle Menschen, egal ob Männlein oder Weiblein, mit diesem Beruf. Als Ausdruck der sprachlichen Gleichstellung der Geschlechter sollen bevorzugt Schräg- oder Bindestriche benutzt werden – beispielsweise Lehrer/-innen. Auch Sternchen, Unterstrich, Doppelpunkt oder ein Großbuchstabe sind in Gebrauch. Allerdings bietet diese Benennung keine dritte Option für die geschlechterneutrale Bezeichnung „divers“.
Laut einer repräsentativen Umfrage von Infratest dimap im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks (WDR) lehnt eine Mehrheit das Gendern ab. 41 Prozent der Befragten halten das Thema für nicht wichtig, sehr wichtig finden das nur 16 Prozent. Die Gesellschaft für deutsche Sprache sieht Genderzeichen nicht als geeignete Mittel für die Umsetzung diskriminierungsfreier Sprache. Auch der Rat für deutsche Rechtschreibung zählt Wortbinnenzeichen nicht zum Kernbestand der deutschen Orthografie.