Russland
Ratlosigkeit und graue Blicke vor dem Kriegskommissariat
Die Männer vor dem Kriegskommissariat warten in kleinen Gruppen. Drei hünenhafte Kerle unterhalten sich leise, sie tragen dunkelgraue Sportjacken und Trainingshosen, auch ihre Blicke wirken dunkelgrau. Was sie von der Mobilmachung halten? „Was sollen wir davon halten? Das sind meine zwei Söhne, ich bin ihr Vater“, sagt einer. Ob es richtig sei, in der Ukraine zu kämpfen? „Wenn man einberufen wird, muss man kämpfen“, sagt einer der Söhne. „Das ist eine Pflicht“, findet sein Vater.
Das Kriegskommissariat liegt an der Lobatschewskaja im Moskauer Stadtteil Ramenki. Ein weißblauer Klinkerbau mit zwei Etagen, der sich hinter Plattenbautürmen duckt. Vor den geöffneten Pforten des Gitterzauns parken Streifenwagen, eine Ambulanz. Ein halbes Dutzend Polizisten und Einsatzkräfte in schwarzen Schutzwesten mit Maschinenpistolen beobachten die Noch-Zivilisten und ihre Frauen. Seit Wladimir Putin am Mittwoch die Teilmobilmachung ausgerufen hat, herrscht in den 1234 Kriegskommissariaten – so viele Wehrersatzämter hat Russland laut dem Portal nagrazhdanke.ru – Hochbetrieb. Unfreiwillig sind die Leute hier, voller Ratlosigkeit und Angst. Es ist die erste Mobilmachung seit Juni 1941, als die Sowjetunion nach Hitlers Überfall in acht Tagen über 5,3 Millionen Wehrpflichtige aufbot. Diesmal spricht Verteidigungsminister Sergei Schoigu von 300.000 Mann. Das Oppositionsportal meduza.io unterstellte am Freitag gar ein Plansoll von 1,2 Millionen, Kremlsprecher Dmitri Peskow dementierte. Über ganz Russland schwebt Ungewissheit.
Hauptstadt der Drückeberger
Moskau gilt seit Jahrzehnten als Hauptstadt der Drückeberger, die sich mit gekauften Attesten oder Immatrikulationen vor dem Wehrdienst drücken. Auch jetzt sollen laut meduza.io nur 16.000 Bürger der Stadt unter die Fahne, dort lebt aber fast ein Zehntel der Gesamtbevölkerung Russlands.
Der Kreml hat es den russischen Regionalverwaltungen überlassen, seine Mobilmachung umzusetzen. Auch die Moskauer Behörden arbeiten fieberhaft, Gestellungsbefehle treffen überall ein. „Zwei Kinder aus der sechsten Klasse kamen weinend zur Schule“, erzählt Maxim (Name von der Redaktion geändert), Lehrer einer teuren Privatschule. „Ihre Väter sind eingezogen worden, obwohl es reiche Leute sind.“
Michail arbeitet in der Veranstaltungsbranche, Anatoli als Manager einer Elektrowaren-Kette. Beide warten vor dem Kriegskommissariat noch auf ein Einzelgespräch, dann wird sich entscheiden, ob sie wirklich eingezogen werden. Wollen sie an die Front? „Für Politik kämpfen? Nein!“, antwortet Michail. „Für Russland ja. Aber nicht, bevor der Feind bei uns eingefallen ist!“ Ein Krieg, der sich „Kriegsspezialoperation“ nennt, sei reine Politik. Anatoli nickt. Zwei sportliche Endzwanziger, kinderlos, aber verheiratet; sie haben ihren Frauen und Eltern noch nichts erzählt. Die seien schon nervös genug, sagt Michail. Und wenn sie heute eingezogen werden? „Dann packen wir eben unsere Sachen und gehen hin“, sagt Michail und zuckt mit den Achseln. Anatoli rettet sich in jungenhaftes Lachen: „Aber ich will diesmal einen Kamaz fahren.“ Beide haben als Lkw-Fahrer bei den Transporttruppen gedient, besitzen also beste Chancen, in der Ukraine Kamaz-Laster zu fahren. Aber das wäre ein fragwürdiges Vergnügen. Artillerie und Stoßtrupps der Ukrainer nehmen mit Vorliebe russische Kolonnen aufs Korn.
„Alle stritten, manche weinten“
Russland macht mobil, aber ohne Hurra. Wie Michail und Anatoli folgen jetzt Tausende der Einberufung zu einem Feldzug, mit dem sie eigentlich nichts zu tun haben wollen. Viele ihrer Altersgenossen wiederum fliehen, vor den Grenzübergängen von Finnland bis zur Mongolei standen in den vergangenen Tagen kilometerlange Staus. Sieben Monate hat das ganze Land die „Kriegsspezialoperation“ erfolgreich verdrängt. „Die gesamte Belegschaft hatte sich versammelt“, erzählt die Managerin einer Moskauer Baufirma über den Tag nach Putins Mobilmachung. „Alle stritten, manche weinten. Die einen versprachen einen raschen Sieg in der Ukraine, die anderen riefen, man solle ihre Männer in Frieden lassen. Unsere Mitarbeiter teilen sich jetzt in zwei Lager.“ Der Privatschullehrer Maxim hat das Gleiche erlebt: „Die meisten Kollegen waren so geschockt wie ich. Aber dann gab es Streit. Einige der Sport- und der IT-Lehrer erklärten, wir müssten den ukrainischen Nazismus bekämpfen, bevor er uns infiziert.“
Russlands Gesellschaft droht die Spaltung, wie sie sich etwa bei der westsibirischen Leserschaft des patriotisch-kommunistischen Telegram-Kanals Milij Tomsk zeigt: In einer Umfrage erklärten 61 Prozent von 873 Teilnehmern, sie seien bereit, Putins Mobilmachung zu folgen, 39 Prozent aber wollen sich vor den Kriegskommissaren verbergen – trotz drohender Gefängnisstrafen. In Moskau veranstaltete Putins Gesamtrussische Volksfront am Freitag ein Massenkonzert zur Unterstützung der Spezialoperation, im Kaukasus und in Jakutien aber demonstrieren vor allem Frauen gegen die Mobilmachung, am Samstag gab es bei landesweiten Protesten 820 Festnahmen. Russland scheint zum ersten Mal seit Beginn der Kämpfe in der Ukraine zu leiden.
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