Russland RHEINPFALZ Plus Artikel Putins große Show

Beim mehrstündigen Medienspektakel zeigt sich Wladimir Putin selbstzufrieden.
Beim mehrstündigen Medienspektakel zeigt sich Wladimir Putin selbstzufrieden.

Zum ersten Mal verbindet der russische Präsident seine Jahrespressekonferenz mit der traditionellen TV-Fragestunde für das Volk. Beim Dialog mit seinen treuen Untertanen geht der Kreml-Herrscher aber auf viele Punkte gar nicht mehr ein.

Verhandlungen mit Kiew plant Wladimir Putin wohl nicht. „Frieden wird es dann geben, wenn wir unsere Ziele erreicht haben.“ Russlands militärische Ziele hätten sich nicht verändert: Demilitarisierung, Denazifizierung und ein neutraler Status der Ukraine. Seit Beginn der Gegenoffensive habe man 747 Panzer vernichtet, fuhr Putin fort. „Das ist sie, die Demilitarisierung.“ Die Veranstaltung in Moskau nannte sich „Ergebnisse des Jahres“, mehr als 500 Journalisten nahmen teil. 2,3 Millionen Fragen und Bitten der Bürger gingen per Telefon, Internet oder Videoaufzeichnungen ein.

An der Front laufe alles nach Plan – „vorsichtig gesagt“, so Putin. Die Ukraine produziere schon praktisch nichts mehr, erhalte alles gratis, aber dieses „Gratis“ gehe zur Neige. Und der Brückenkopf der Ukrainer auf dem südöstlichen Ufer des Dnjeprs sei real eine „Feuertasche“, in der man täglich Dutzende ukrainische Elitesoldaten vernichte. Eine zweite Mobilisierungswelle sei überflüssig, man habe dieses Jahre mit 486.000 angeworbenen Freiwilligen das Plansoll von 400.000 übererfüllt. Die Wirtschaft boome fulminant, Putin versprach für 2023 ein Wachstum von 3,5 Prozent, die Direktinvestitionen seien um 10 Prozent gestiegen, allein Russlands Banken hätten dieses Jahr über drei Billiarden Rubel verdient.

Gut in Form

Damit beantwortete er die Frage der Moderatorin Jekaterina Beresowskaja, worauf man wirtschaftlich stolz sein dürfe. Für das patriotische Publikum im Saal stand Putin als Führer der Nation außer Frage. Er unterstütze dessen Präsidentschaftskandidatur, erklärte ein junger TV-Moderator aus Magadan. „Weil, solange ich mich erinnere, Sie immer an der Macht waren.“

Ein bärtiger Krieger aus einem Schutzraum an der Donbass-Front, umgeben von Kameraden mit Putin-Stickern auf ihren Kampfanzügen, erklärte, für ihn sei es eine Ehre, mit dem Präsidenten zu reden. „Unser Sieg“ werde sichtbar, danach aber bräuchten die Veteranen Arbeit, sie wären als militärpatriotische Pädagogen geeignet. Putin stimmte einem künftigen Schulfach „Krieg“ eifrig zu. „Weil es ein ganz andere Sache ist, selbst Erlebtes weiterzugeben, als Bücherwissen.“

Putin wirkte gut in Form, auch Fehler wirkten, als scherze er. So redete er von dem vor neun Monaten verhafteten US-Korrespondenten Evan Gershkovich zuerst als Österreicher, deutete aber dann sehr offen an, man verhandle eifrig mit Washington, um den angeblichen Spion auszutauschen.

Staatschef verteilt Geschenke

Wie immer verteilte der Staatschef Geschenke. Ein verwundeter Frontkämpfer klagte, es gebe keine radioelektrischen Kampfmittel. Wladimir Putin bat die Moderatorin, konkrete Informationen einzuholen, um dem Mann und seiner Einheit zu helfen. Auch einer Schülergruppe, die sich in Trikots aufgestellt hatte, um die Renovierung ihrer Sporthalle zu erbitten, versprach er Hilfe.

Aber Putin beantwortet nicht mehr alle Fragen der Russen. Frauen der im vergangenen Herbst mobilisierten 300.000 Soldaten wollten ein Ende des unbefristeten Frontdienstes ihrer Männer verlangen. Das Thema wurde erst gar nicht angesprochen. Dabei prangte in der Vorberichterstattung des Staatsfernsehen auf einem Bildschirm im Saal ihre Frage: „Wann lässt man die Eingezogenen nach Hause?“ Laut dem Levada-Meinungsforschungszentrum würden 21 Prozent der Bürger von Putin gerne wissen, wann „Kriegsspezialoperation“ und „Mobilisierung“ enden.

Zuletzt antwortete Putin auf die Frage, was er dem jungen Präsidenten des Jahres 2000 heute raten würde. Er grinste. „Ich würde sagen: ,Sie sind auf dem richtigen Weg, Genosse!’“

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