Russland RHEINPFALZ Plus Artikel Putins Geschichtsstunde zur Ukraine

Er erklärt die Welt, wie sie ihm gefällt: Wladimir Putin.
Er erklärt die Welt, wie sie ihm gefällt: Wladimir Putin.

Wladimir Putin hat einen Artikel über die Einheit von Russen und Ukrainern geschrieben. In Kiew kommt der Text als Drohung an.

Am Montag veröffentlichte Russlands Präsident über die offiziellen Kanäle des Staats den Aufsatz mit dem Titel „Über die historische Einheit von Russen und Ukrainern“. Darin beschwört Putin geschichtliche, kulturelle und mentale Gemeinsamkeiten, stellt aber gleichzeitig Staatsgebiet und Nationalität des südwestlichen Nachbarvolkes infrage. Die Verwandtschaft lebe im Herzen und im Gedächtnis der Menschen, in den Blutsbanden von Millionen Familien, so der Kremlchef. „Gemeinsam waren und werden wir immer um ein Vielfaches stärker und erfolgreicher sein“, schreibt Wladimir Putin. „Weil wir ein Volk sind.“

„Alternative Geschichtsschreibung“, urteilt Ukrinform, das Portal der staatlichen Informations- und Nachrichtenagentur in Kiew. Russland wolle die Vergangenheit der Ukraine kapern und sozusagen die mittelalterlichen Kiewer Rus annektieren.

Rechtfertigung der Krim-Annexion

Einen Großteil der fast 40.000 Zeichen seines Aufsatzes widmet Putin der Geschichte der Ukraine, deren Bevölkerung mit den Russen seit jeher eine Sprach-, Religions- und Schicksalsgemeinschaft bilde. Beeinträchtigt worden seien die Bande nur durch das Machtstreben Polens, Litauens und danach Österreichs. Beschützt worden sei die Beziehung aber von Russlands Zaren und später der Sowjetunion.

Dass in der Ukraine heute Ukrainisch gesprochen wird, führt Putin vor allem auf die Nationalitätenpolitik der Bolschewisten zurück. Diese hätten eine Ukrainisierungskampagne veranstaltet, der Ukraine auch widerrechtlich einen Großteil ihres Territoriums zugeschoben, darunter die Krim. Die Ex-Sowjetrepublik müsse sich, so argumentiert der Kremlchef, eigentlich auf ihre Grenzen bei der Gründung der UdSSR 1922 zurückziehen. Nach Ansicht ukrainischer Medien will der Kremlchef mit seinen Ausführungen die international nicht anerkannte Annexion der Krim durch Russland 2014 rechtfertigen.

Denis Kasanski, ukrainischer Unterhändler in der Donbass-Kontaktgruppe, schreibt auf Facebook ironisch, der „große Historiker“ Putin möge doch bitte im Gegenzug den Teil der südrussischen Region Rostow zurückgeben, der bis 1922 zur Ukraine gehörte, inklusive der Städte Taganrog und Schachty.

Putin: Kiew eine Geisel des Westens

In seinem Artikel macht der Kremlchef auch Äußerungen zur Gegenwart. Das westliche Ausland bemühe sich, die Ukraine in ein „Anti-Russland“ zu verwandeln, schreibt er. „Die Schaffung eines ethnisch rein ukrainischen Staates, der Russland gegenüber aggressiv eingestellt sei, ist in seinen Folgen vergleichbar mit dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen gegen uns“, schreibt Putin. Die westlichen Autoren des „Projekts Anti-Russland“ sorgten für ein politisches System, indem Präsidenten und Minister wechselten, die Feindschaft gegen Moskau aber bleibe.

So habe der amtierende Präsident Wolodymyr Selenskyj im Wahlkampf Frieden im Donbass versprochen, tatsächlich aber ändere sich nichts. Dabei bemüht sich Selenskyj, der am Montag Berlin besuchte, seit Monaten um ein Treffen mit Putin.

Der ukrainische Staatspräsident reagierte auf Putins Aufsatz mit den Worten, bei einem Treffen könne man auch darüber diskutieren. „Ich wäre in der Lage, dem russischen Präsidenten reiches Material für den nächsten Artikel zu übergeben“, so Selenskyj. Putin hatte Ende Juni erklärt, er habe mit Selenskyj nichts zu bereden, weil der die volle Kontrolle über sein Land äußeren Kräften überlassen habe. Süffisant kommentierte Selenskyj den Umstand, dass der Kreml den Text Putins auch in ukrainischer Sprache veröffentlichte. „Wenn der Präsident Russlands angefangen hat, Artikel auf Ukrainisch zu schreiben“, so Selenskyj, „heißt das, dass wir alles richtig gemacht haben.“

Zum Thema: Russlands Sicht auf die „slawischen Brüder“

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