Interview
Philosoph: Impfstatus bei möglicher Triage berücksichtigen
Herr Hoffmann, hoffen wir mal, dass uns die Triage erspart bleibt. Sollte es dennoch dazu kommen, plädieren Sie dafür, den Impfstatus dabei zu berücksichtigen. Wieso?
Der Impfstatus sollte eines unter anderen Kriterien sein. Meine Grundüberlegung ist, dass es hier um eine faire Verteilung von Risiken in der Gesellschaft geht. Durch die Pandemie sind die Risiken derzeit ungleich, ja sogar unfair verteilt. Einige Gruppen haben erhebliche Risiken – und sogar schon Schäden erlitten: Denken Sie an die chronisch Erkrankten! Denken Sie an die Kinder und Jugendlichen, bei denen noch unklar ist, welche Langzeitfolgen die Schul-Lockdowns haben werden! Durch die Impfung haben wir ein Mittel in der Hand, die Belastung der Intensivstationen zu verringern. Die Geimpften tragen durch ihr Verhalten dazu bei, dass dieses Risiko gesenkt wird. Und sie haben ein Risiko übernommen, auch wenn das ein geringes Risiko ist: das Risiko von möglichen Nebenwirkungen. Die Ungeimpften aber haben sich entschieden, dieses Risiko nicht zu tragen.
Deswegen sollen sie gegebenenfalls auf der Intensivstation bestraft werden?
Hier geht es nicht um Lohn und Strafe ...
Die potenziell Betroffenen werden es so empfinden.
Ja, das wird so sein. Das ist eine Härte in meiner Position, das sehe ich auch. Aber es gibt ja einen Weg, diesen Nachteil zu vermeiden. Denn die Impfung steht allen unentgeltlich zur Verfügung. Und wir sind ja in der guten Situation, dass die Luke nicht zu ist, dass jeder und jede sich jeden Tag noch für die Impfung entscheiden kann.
Es gibt aber auch kein Schuldprinzip bei medizinischen Behandlungen, wenn man von der Schuld, nicht geimpft zu sein, sprechen will.
Ich stimme Ihnen zu: Es geht nicht um Fragen von Schuld und Verantwortung. Ich hinterfrage nicht die Motive der Ungeimpften. Übrigens auch nicht die der Geimpften. Vielleicht hat sich so mancher nur impfen lassen, um wieder tanzen gehen zu können. Ich sehe die Impfung nicht als moralisch hervorragende Handlung. Deshalb bezieht sich ja mein Argument nur auf die faire Verteilung von Pandemie-Risiken in der Gesellschaft. Manche sagen, meine Idee widerspreche den ethischen Prinzipien der Medizin. Ich denke, dass man das Problem damit auf der falschen Ebene ansiedelt: Ärzte und Ärztinnen führen zwar Triage-Maßnahmen durch, aber wie wir Triage in dieser Gesellschaft organisieren, ist nicht primär eine Frage der ärztlichen Ethik, sondern betrifft uns alle und ist daher eine Frage der allgemeinen Sozialethik, genauer: eine Frage sozialer Gerechtigkeit.
Es gibt Menschen, die nicht geimpft sind, weil es nicht möglich ist – aus medizinischen Gründen oder weil es im Fall der unter Zwölfjährigen keinen zugelassenen Impfstoff gibt.
Das ist ein wichtiger Einwand. Deshalb unterscheide ich zwischen den Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, und denen, die das nicht können. Hier zieht wieder mein Risiko-Argument. Die von Ihnen genannten Gruppen können ja nicht geimpft werden, weil wir ihnen das damit verbundene Risiko nicht zumuten können.
Der Vorsitzende des Hausärzteverbandes Ulrich Weigeldt hat vor Kurzem gesagt, es sei ein Fehler gewesen, keine Impfpflicht eingeführt zu haben. Wäre das die bessere Alternative gewesen, um eine Triage nach Möglichkeit auszuschließen?
Das ist eine schwierige Entscheidung: Impfpflicht oder faires Risiko bei der Triage. Ich sehe es als Stärke meiner Position, dass ich das Individualrecht, sich frei für oder gegen eine Impfung zu entscheiden, ganz unangetastet lasse. Das halte ich auch für ein hohes Gut. Die Impfung ist ein Eingriff in die persönliche körperliche Integrität.
Eine andere Option wäre es, mit schärferen Corona-Auflagen gegenzusteuern, oder?
Dies hätte ebenfalls einen hohen Preis. Auch hier würden wir zum wiederholten Male Grundrechte einschränken. Wir hatten ja schon das Grundrecht auf Bildung für Schüler und Studierende eingeschränkt. Und auch die Grundrechte der Bewegungsfreiheit, der Freizügigkeit für zig Millionen Menschen. Aber bei den vergangenen zwei Lockdowns hatten wir auch keine anderen Mittel in der Hand, um eine mögliche Triage zu vermeiden. Durch die Impfung ist das dieses Mal anders. Deshalb wäre mir der Preis für so eine Grundrechtseinschränkung zu hoch.
Hätte der Staat mit mehr Intensivplätzen in den Kliniken besser vorsorgen müssen?
Dieser Ruf wird jetzt lauter. Aber aufgrund des exponentiellen Wachstums der Neuinfektionen kann kein Mensch abschätzen, um wie viel wir die Intensivkapazitäten erhöhen müssten. Ich habe Zweifel daran, dass diese Option realisierbar wäre. Sie wäre auf jeden Fall sehr teuer. Die Impfung ist da viel günstiger.
In der Schweiz gab es vor einigen Wochen eine heftige Debatte zur Triage. Ein Arzt meinte damals, in so einem Fall würden die Patienten vorrangig behandelt, die bessere Überlebenschancen hätten. Und da hätten die Ungeimpften ohnehin schlechtere Karten. Kann es sein, dass Ihre Position in der Praxis ohnehin keine Rolle spielt?
Das kann ich schwer beurteilen. Als Ethiker sage ich aber, dass Triage-Kriterien auf jeden Fall transparent sein müssen. Wenn wir Ungeimpfte benachteiligen, was eine schwere Entscheidung wäre, dann muss man vorher offen darüber sprechen. Andernfalls drohen Benachteiligungen „durch die Hintertür“, das halte ich für kritikwürdig.