Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Organspende: Entscheidung nicht auf die lange Bank schieben

Im vergangenen Jahr haben 913 Menschen nach ihrem Tod Niere, Leber, Herz und oder Lunge gespendet.
Im vergangenen Jahr haben 913 Menschen nach ihrem Tod Niere, Leber, Herz und oder Lunge gespendet.

Wird der Hirntod bei einem Patienten festgestellt, stehen Angehörige oft vor der schwierigen Frage, einer Organspende zuzustimmen oder sie abzulehnen. Jeder sollte persönlich für den Fall der Fälle vorsorgen.

Mit schwersten Verletzungen wird ein junger Mann nach einem Unfall in eine Klinik eingeliefert. Wenige Stunden später die Diagnose: Die gesamten Hirnfunktionen sind unumkehrbar ausgefallen. Hirntod. Die Angehörigen stehen unter Schock. Und in dieser Situation sollen sie entscheiden, ob eine Organspende in Frage kommt oder nicht. Einen entsprechenden Ausweis hat der Sohn und Bruder nicht, gesprochen wurde auch nie darüber. In mehr als der Hälfte aller Fälle, in denen im vergangenen Jahr die Möglichkeit einer Organspende bestand, mussten Angehörige die Entscheidung übernehmen. Eine zusätzliche, immense Belastung.

Und so wird die deutsche Stiftung Organtransplantation nicht müde, Bürger zu ermutigen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, sich zu entscheiden und dies dann auch zu dokumentieren. Etwa 9200 Menschen in Deutschland warten auf eine Organtransplantation. Demgegenüber haben im vergangenen Jahr 913 Menschen nach ihrem Tod Niere, Leber, Herz und/oder Lunge gespendet. Dazu kommt: Die Diagnose Hirntod ist in Kliniken ein eher seltenes Phänomen, sodass nur wenige Sterbende überhaupt für eine Organspende infrage kommen.

Der Vorstoß des Gesundheitsministers

Deutschland braucht dringend mehr Organspenden, um den dramatischen Organmangel zu beheben. Das veranlasste Gesundheitsminister Jens Spahn 2020 im Bundestag einen Vorstoß zu unternehmen: Jeder Mensch sollte automatisch als Spender gelten – außer er widerspricht dem zu Lebzeiten. Die Widerspruchslösung, wie sie beispielsweise in den Niederlanden, in Spanien, Österreich oder Liechtenstein gilt, fand keine Mehrheit im Parlament. Zu Recht. Der Staat hätte sich damit angemaßt, über die Organe seiner Bürger zu verfügen – eine Spende ist aber freiwillig, und Schweigen ist keine Einwilligung.

So sind die Organentnahmen weiter nur nach ausdrücklicher Zustimmung zu Lebzeiten erlaubt, aber ihre Anzahl soll nun durch deutlich mehr Aufklärung steigen. Mit einer Aufklärung, die ergebnisoffen sein muss. Bislang landeten alle zwei Jahre von den Krankenkassen Informationen zur Organspende im Briefkasten. Und wenig später wohl bei vielen im Papierkorb. Nun sollen die Menschen im Alltag viel mehr Gelegenheiten bekommen, ihren Willen zur Spende zu dokumentieren – beim Führerscheinerwerb, beim Beantragen eines Ausweises, in Arztpraxen und Behörden.

Sparen an der falschen Stelle

Durch das Gesetz zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft, das ab 2022 gilt, soll Organspende künftig in aller Munde sein. Doch der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung , die das vorantreiben soll, wurde dafür nicht mehr Geld bewilligt. Das ist Sparen an der falschen Stelle.

Große Hoffnungen werden in das neu zu schaffende Online-Register gesetzt. Die Bürger sollen damit ab März kommenden Jahres leichter ihren Willen erklären – und auch wieder ändern können. Die Kliniken dürfen die Erklärung vor einer möglichen Organentnahme einsehen. So kann das Problem gelöst werden, dass, weil der Spendewille eines Verstorbenen nicht bekannt ist, Angehörige Nein sagen. Ein guter Ansatzpunkt.

Dafür oder dagegen

Menschen fällen täglich Entscheidungen – große und kleine, wichtige und weniger wichtige. Laut Umfragen bejahen 84 Prozent der Bürger eine Organspende. Etwa 44 Prozent der Deutschen haben ihren Willen dazu dokumentiert. Der Tag der Organspende könnte nun ein Anlass sein für die anderen, sich selbstbestimmt zu entscheiden – dafür oder dagegen. Und damit ihren Angehörigen für den Fall der Fälle die große Last einer Entscheidung von den Schultern zu nehmen

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