Ausland RHEINPFALZ Plus Artikel Ohrfeige fürs Regime: Friedensnobelpreis an inhaftierte Iranerin

Die iranische Justiz bestrafte Narges Mohammadis Einsatz für Frauenrechte und ihr Engagement gegen die Todesstrafe mehrmals mit
Die iranische Justiz bestrafte Narges Mohammadis Einsatz für Frauenrechte und ihr Engagement gegen die Todesstrafe mehrmals mit langen Haftstrafen. Das Foto stammt aus dem Jahr 2007.

Die inhaftierte iranische Aktivistin Narges Mohammadi erhält den Friedensnobelpreis. Das ist auch eine Auszeichnung für Irans Protestbewegung. Die Führung in Teheran reagiert pikiert.

Narges Mohammadi wird ihren Friedensnobelpreis wohl nicht persönlich entgegennehmen können: Die iranische Aktivistin sitzt – wieder einmal – im Gefängnis. Die nun 51-Jährige kämpft seit Jahrzehnten für Frauen- und Menschenrechte in der Islamischen Republik und zahlt dafür einen hohen Preis. Seit sie vor einem Vierteljahrhundert zum ersten Mal festgenommen wurde, war sie nur noch selten in Freiheit. Mit der Auszeichnung ehrt das Nobelpreis-Komitee nicht nur Mohammadi selbst, sondern die gesamte iranische Protestbewegung. Zugleich ist der zweite Friedensnobelpreis für eine iranische Aktivistin eine Ohrfeige für das Regime. Entsprechend pikiert reagiert die Führung in Teheran.

Mohammadi ist Vizepräsidentin des „Zentrums der Menschenrechtsverteidiger“, einer Menschenrechtsorganisation unter Leitung von Shirin Ebadi, die 2003 den Friedensnobelpreis erhielt. Ebadi zog vor 15 Jahren ins britische Exil, doch Mohammadi blieb im Iran. Die iranische Justiz bestrafte Mohammadis Einsatz für Frauenrechte und ihr Engagement gegen die Todesstrafe nach einer Zählung der „New York Times“ mit 13 Verhaftungen und der Verurteilung zu insgesamt 31 Jahren Haft; derzeit sitzt sie im berüchtigten Evin-Gefängnis von Teheran eine zwölfjährige Strafe ab.

Doch brechen konnte das Regime Narges Mohammadi nie. Der Nobelpreis mache sie noch entschlossener, erklärte sie laut „New York Times“ in einer ersten Reaktion auf die Nachricht vom Nobelpreis. Demokratie, Freiheit und Gleichheit blieben ihre Ziele. Deshalb wolle sie weiterkämpfen – „bis zur Befreiung der Frauen“. .

Selbst im Gefängnis setze Mohammadi ihre Arbeit fort, sagt Daniela Sepehri, eine deutsch-iranische Aktivistin. „Obwohl sie keinen Besuch empfangen darf, schafft sie es immer wieder, Briefe aus dem Gefängnis zu schmuggeln und der ganzen Welt zu offenbaren, wie Frauen systematisch vergewaltigt werden“, sagte Sepehri unserer Zeitung. Anfang des Jahres schlug Mohammadi aus ihrer Zelle heraus Alarm wegen des schlechten Gesundheitszustandes der inhaftierten Deutsch-Iranerin Nahid Taghavi.

Empfindliche Stelle des Regimes

Mohammadi ist während ihrer Gefängnisstrafen in den vergangenen Jahren selbst erkrankt, wird aber trotzdem immer wieder eingesperrt. Ihre beiden Kinder hat Mohammadi nach Angaben von Sepehri seit mehreren Jahren nicht mehr sehen oder sprechen können.

Das Nobelpreis-Komitee will den Preis auch als Auszeichnung für die Protestbewegung verstanden wissen, die nach dem Tod der 22-jährigen Mahsa Amini in der Gewalt der Religionspolizei im vergangenen Jahr gegen das Regime demonstrierte. Die Komitee-Vorsitzende Berit Reiss-Andersen stellte den Slogan „Frau-Leben-Freiheit“ in persischer Sprache am Freitag an den Anfang ihrer Mitteilung über die Preisvergabe an Mohammadi. Das Komitee rief den Iran auf, Mohammadi freizulassen.

Mit ihrer Forderung nach mehr Rechten für Frauen trifft Mohammadi eine empfindliche Stelle des Regimes. Die Islamische Republik benachteiligt Frauen systematisch, etwa bei Scheidungen, dem Sorgerecht für Kinder oder Erbschaften.

Die Kopftuchpflicht bedeutet, dass Frauen nur Karriere machen können, wenn sie sich dem Verhüllungsgebot der Mullahs unterwerfen. Der Kopftuchzwang war auch der Funke für die Unruhen 2022. Seit Ausbruch der Proteste gehen viele Iranerinnen ohne Kopftuch auf die Straße und widersetzen sich so offen den Vorschriften. Das Regime reagiert mit einem neuen Gesetz, das bis zu zehn Jahre Haft für Frauen ohne Kopftuch vorsieht.

„Ein starkes Signal“

Ali Fathollah-Nejad, Iran-Experte und Gründungsdirektor der Denkfabrik CMEG, nennt den Preis „ein starkes Signal an die iranischen Frauen und Mädchen, die an vorderster Front des Kampfes gegen das Regime stehen, und daher auch an die gesamte Demokratiebewegung“. Das Preiskomitee habe der Protestbewegung eine neue „internationale Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit verschafft, die dem Regime stets ein Dorn im Auge ist“.

Iranische Regimevertreter kritisierten das Komitee. Die Nachrichtenagentur Fars, die der iranischen Revolutionsgarde nahesteht, kommentierte, Mohammadi habe den Nobelpreis für ihre Machenschaften gegen die „nationale Sicherheit“ des Iran erhalten. Regierungsberater Seyed Mohammed Marandi schrieb auf Twitter, Mohammadi verdanke ihren Nobelpreis den Versuchen des Westens, das iranische Regime zu stürzen. Doch auch mit der Auszeichnung für Mohammadi werde das nicht gelingen.

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