Meinung
Nötiger Spurwechsel – das neue Einwanderungsgesetz
Was einen Metzger oder eine Metzgerin beschäftigt, ist im bundespolitischen Berlin nur selten Thema. Man kann es aber herausfinden, es steht im Jahrbuch des Deutschen Fleischer-Verbands. Dort ist zu lesen, dass die Anzahl der Betriebe seit Jahren zurückgeht. Der Grund: Wenn ein Fleischer in Rente geht, findet er oft keine Nachfolge – falls er seinen Laden nicht ohnehin schon vorher schließen musste, weil ihm das Personal fehlt.
Die Branche ist nur eine von vielen, die unter dem Arbeitskräftemangel leidet. Für die Wirtschaft ist es deshalb eine gute Nachricht, dass der Bundestag am Freitag ein neues Einwanderungsgesetz beschlossen hat. Es soll Arbeits- und Fachkräften erleichtern, nach Deutschland zu kommen. Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, dass nicht nur die AfD Stimmung gegen das Gesetz macht, sondern auch die Union. Denn: Ohne Zuwanderung lässt sich der Fachkräftemangel in Deutschland nicht lösen.
Netto 400.000 Fachkräfte müssten pro Jahr einwandern
Die Zahlen dazu sind eindeutig. Laut der Bundesagentur für Arbeit müssten jährlich netto 400.000 Fachkräfte einwandern, damit Deutschland auch künftig genug Beschäftigte hat. In wenigen Jahren geht die Generation der Babyboomer in Rente – das sind die besonders geburtenstarken Jahrgänge. Das führt zu einer Lücke am Arbeitsmarkt: Es gibt schlicht nicht genug Menschen, um alle frei werdenden Stellen zu besetzen.
In der Debatte kritisierte die Union immer wieder, dass durch die neuen Regelungen nicht nur Fachkräfte nach Deutschland geholt werden, sondern auch Menschen ohne Berufsabschluss. Doch auch die braucht es. Die Zeiten, in denen nur Ärzte und Informatikerinnen rar waren, sind lange vorbei. Es fehlen auch Leute, die in Supermärkten die Regale einräumen. Die in der Restaurantküche das Gemüse klein schneiden. Oder an Flughäfen das Handgepäck kontrollieren.
Natürlich geht es nicht darum, Leute für den Niedriglohnsektor anzuwerben. Umso wichtiger ist es aber, Leute nach Deutschland zu holen, die hier eine Ausbildung machen. Noch mal Zahlen vom Fleischer-Verband: Zur Metzgerin oder zum Fleischereifachverkäufer ließen sich 2002 noch mehr als 7500 Menschen ausbilden. 2021 waren es rund 2600. Ganz gleich, ob Metzgerei, Bäckerei oder Maurerbetrieb: Die Tendenz ist überall ähnlich.
Ein Problem aus der Praxis wird gelöst
Viele Betriebe bildeten in den vergangenen Jahren deshalb auch Geflüchtete aus – ohne zu wissen, ob diese anschließend im Land bleiben dürfen. Dass das durch das neue Gesetz jetzt möglich wird – durch den sogenannten Spurwechsel –, löst ein ganz praktisches Problem.
Das Gesetz wird den Fachkräftemangel trotzdem nicht beheben. Nicht nur, weil die Ausländerbehörden nach wie vor überlastet und nicht ausreichend digitalisiert sind. Sondern auch, weil mit Migration immer auch Arbeit verbunden ist – für alle Seiten. Wer kommt, muss sich ein neues Umfeld aufbauen, eine Sprache lernen und sich in einen Job einarbeiten. Wer eine ausländische Arbeitskraft einstellt, muss sich auf Bürokratie einstellen, auf Missverständnisse, auf eine Zeit, in der man manches immer wieder erklären muss, weil das Gegenüber die Sprache noch nicht beherrscht.
Fallen auch wirklich die bürokratischen Hürden?
All das gehört in einer globalisierten Welt dazu – und ist in vielen Betrieben schon jetzt Alltag. Damit in Deutschlands Metzgereien auch künftig jemand an der Theke oder am Fleischwolf steht, müssen dringend mehr Arbeitskräfte nach Deutschland kommen – mit und ohne Qualifikation. Das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz ist dabei ein großer Schritt. Ob er reicht oder an der hiesigen Bürokratie scheitert, wird sich jetzt beweisen.