Ukraine-Krieg
Moskau lässt Kinder verschleppen
Es sind rührende Szenen: Eine blonde Frau steht inmitten von kleinen Kindern, die das ukrainische Kriegsgebiet verlassen haben und nun in Sicherheit zu sein scheinen. Die Enddreißigerin geht in die Hocke, blickt in die kleinen Gesichter und verkündet: „Wir haben Geschenke für euch vorbereitet.“ Der Jubel ist groß.
Menschenrechtler allerdings halten diese Szene, die Maria Lwowa-Belowa, die blonde Frau, über den Messenger-Dienst Telegram verbreitet, für üble Propaganda. Und halten Lwowa-Belowa, die russische Kinderrechtsbeauftragte, für eine Verbrecherin, mitverantwortlich für die Deportation unzähliger Kinder.
„Was könnte abscheulicher sein, als Kinder aus ihrem Zuhause zu holen, weg von ihren Freunden, ihren Lieben.“ Mit deutlichen Worten brandmarkte Bundesaußenministerin Annalena Baerbock die Verschleppungen ukrainischer Kinder durch Russland. Vor dem UN-Menschenrechtsrat in Genf beteuerte die Grünen-Politikerin am Montag, sich für eine Rückkehr der jungen Ukrainer einsetzen zu wollen.
Moskau bestreitet nicht, Kinder und Jugendliche aus dem von ihm angegriffenen Land zu holen. Lwowa-Belowa selbst hat Kremlchef Wladimir Putin davon berichtet. Doch führen die russischen Behörden humanitäre Gründe dafür an: Kinder würden von der Front weggebracht, bekämen notwendige medizinische Hilfe oder dürften in Erholungsheimen Ferien machen.
Von Russen adoptiert
Doch seit Beginn der russischen Invasion am 24. Februar 2022 mehren sich die Berichte über Verschleppungen, tragen Menschenrechtsorganisationen Beweise und Indizien dafür zusammen. Um wie viele Kinder und Jugendliche es geht, ist unklar. Die ukrainische Regierung spricht von mindestens 14.000 Verschleppten. Die US-amerikanische Forschungseinrichtung Institute for the Study of War (ISW) berichtete im November von einer mehrteiligen Dokumentation, die russische Blogger verbreiteten. Darin ging es um ukrainische Kinder aus dem Donbass, die von russischen Familien adoptiert wurden. In der Dokumentation heißt es, dass die Behörden 2022 mehr als 150.000 Kinder aus dem Donbass evakuiert hätten. Allerdings sei unklar, wie diese Zahl zustandegekommen sei, gibt ISW zu bedenken. Überhaupt lassen sich die Zahlen nicht unabhängig überprüfen.
Das Humanitarian Research Lab (HRL) berichtet in einem jüngst erschienenen Report, dass mehr als 6000 Kinder nach Russland gebracht wurden. Die Einrichtung der US-Universität Yale hat dafür nach eigenen Angaben unter anderem soziale Medien, Regierungsmitteilungen und Medienberichte ausgewertet. Da sie sich auf frei zugängliche Quellen stützen, gehen die Forscher davon aus, dass tatsächlich deutlich mehr Kinder betroffen sind.
Waisen nach Russland gebracht
Die US-Forscher haben 43 Einrichtungen in Russland ausgemacht, in denen junge Ukrainer untergebracht werden. „Bei den meisten handelt es sich um Erholungslager, in die Kinder zu angeblichen Ferienaufenthalten gebracht werden, während andere Einrichtungen dazu dienen, Kinder unterzubringen, die in Russland zur Pflege oder Adoption freigegeben wurden“, heißt es in dem Report.
Vor Beginn der Invasion wurden zunächst vor allem Waisenhäuser in den von den Separatisten beherrschten Gebieten in der Ostukraine evakuiert. Doch dabei blieb es nicht. Ein Jurist vom Institut für strategische Forschung und Sicherheit in Kiew berichtete dem Deutschlandfunk, was passierte, nachdem bei der Zwangsmobilmachung im Herbst Männer im Donbass zur russischen Armee eingezogen wurden: Den zurückgebliebenen Müttern „unterstellten die Jugendämter, allein nicht in der Lage zu sein, mehr als ein Kind zu versorgen, und nahmen ihnen das zweite und dritte Kind weg“. 38.000 Fälle von Sorgerechtsentzug zählten die Aktivisten.
Im HRL-Report ist die Rede davon, dass manche Eltern dem Aufenthalt ihres Nachwuchses in angeblichen Ferienlagern zugestimmt hätten, in vielen Fällen sei dies aber unter Druck geschehen. Während manche dieser Kinder inzwischen wieder in ihre Familien zurückgekehrt seien, sei die Rückkehr anderer Kinder ausgesetzt worden. Über die Größenordnung können die Yale-Forscher nichts sagen.
Neue Namen für die Kinder
Auch bei einigen von den Besatzern als Waisen deklarierten Minderjährigen gibt es laut HRL-Report Zweifel, ob das stimmt. Sollten die Eltern noch leben, dürfte es für sie schwer werden, ihre Kinder wiederzufinden. Denn die Adoptierten erhalten nicht nur die russische Staatsbürgerschaft, sondern zumindest zum Teil auch neue Namen.
Mit den Deportationen wollen die Besatzer nicht nur die ukrainische Bevölkerung ängstigen. Die Yale-Forscher stellten fest, dass die meisten der Einrichtungen in Russland die ukrainischen Kinder systematisch „einer auf Russland ausgerichteten akademischen, kulturellen, patriotischen und/oder militärischen Erziehung“ aussetzten. Mehrere Einrichtungen würden als „Integrationsprogramme“ beworben, mit dem offensichtlichen Ziel, ukrainische Kinder „in die Vision der russischen Regierung von nationaler Kultur, Geschichte und Gesellschaft zu integrieren“.
Gegenüber dem Deutschlandfunk sagten ukrainische Aktivisten, dass Moskau auf diese Weise nicht nur Ersatz für im Krieg gefallene Russen gewinnen wolle. Es gehe auch darum, den Anteil der Slawen im Land zu erhöhen. Denn die Geburtenrate bei ethnischen Russen sei deutlich geringer als bei nationalen Minderheiten wie beispielsweise den Kaukasen.
Moskau weist solche Beweggründe indes zurück. Dort beharrt man auf humanitären Motiven, wohl auch künftig bebildert mit fröhlichen Kindern auf dem Telegram-Kanal von Maria Lwowa-Belowa.