Interview
Menschenrechtler: „Forensiker müssen die Leichen anschauen“
Von Leonie Rothacker
Herr Michalski, wie verifizieren Sie bei Human Rights Watch Kriegsverbrechen?
Wir haben Spezialisten, Datensammler und Experten, die untersuchen und vergleichen, ob die Aussagen von Zeugen oder Betroffenen stimmen. Wenn zum Beispiel jemand sagt, seine Wohngegend wurde um 14 Uhr von russischen Raketen getroffen, suchen wir nach ähnlichen Aussagen in den Sozialen Medien, untersuchen Fotos oder Videos, die das belegen. Anhand dieser Fakten – und im günstigen Fall auch noch von Satelliten-Aufnahmen – können wir entsprechende Aussagen verifizieren und sagen: Ja, das Haus in der Straße XY, Hausnummer 7 ist an dem Tag um die Uhrzeit von einer Rakete getroffen worden.
Finden Sie auch gefälschte Bilder und Videos in sozialen Medien?
Wie in jedem Krieg wird so etwas von allen Seiten zu Propagandazwecken benutzt. Ein Bild eines angeblichen Raketenangriffs auf eine ukrainische Stadt stammt dann vielleicht aus dem Syrien-Krieg. Unser Waffenexperte hat in einem Social-Media-Post ein Foto entdeckt, angeblich aktuell, das er aber selbst gemacht hat 2014 in der Ostukraine an einem ganz anderen Ort. Wir sind sehr, sehr vorsichtig, was das betrifft.
Sind Ihre Leute auch vor Ort in der Ukraine?
In der Zeit, in der die Fälle passiert sind, die wir dokumentiert haben, zwischen dem 27. Februar und dem 14. März, haben wir das telefonisch gemacht. Wir konnten da gar nicht sein, ohne das Leben unserer Expertinnen und Experten zu riskieren. Die arbeiten aber seit vielen Jahren in und an der Ukraine, insofern kennen sie sehr viele Leute. Es gibt auch immer wieder Opfer, die sich direkt bei uns melden. An anderen Orten als den Tatorten sind wir aber gewesen, in der Ukraine und den umliegenden Ländern.
Sie fordern eine von den Vereinten Nationen mandatierte Untersuchungskommission. Welche Methoden stünden dieser denn zusätzlich zur Verfügung?
Die Kommission muss aus Rechtsmedizinern bestehen, aus Polizisten und Menschen, die in der Lage sind, Tatorte zu untersuchen. Denn das, was wir da sehen, sieht ganz nach Kriegsverbrechen aus. Das heißt, es sind Tatorte und so muss auch vorgegangen werden. Spurensicherung brauchen wir und natürlich belastbare Zeugenaussagen. Forensiker müssen sich die Leichen anschauen.
Warum ist eine unabhängige Kommission so wichtig?
Damit die Russen nicht sagen können: Das haben die Ukrainer selbst gemacht und die haben das verfälscht. Die Russen behaupten jetzt schon, dass die Ukrainer sich da selbst umgebracht haben, was der Gipfel des Zynismus ist.
Was muss jetzt passieren, damit die Kriegsverbrechen der russischen Armee gerichtsfest bewiesen werden können?
Es ist wahnsinnig wichtig, dass die Leichen nicht sofort in Massengräbern beerdigt werden. Damit zerstört man Beweise – wie im Jugoslawienkrieg, wo nach Monaten oder Jahren Tote aus Massengräbern wieder ausgegraben worden sind. Da findet zwar man immer noch Beweismittel, aber es ist schwieriger. Alle Spuren müssen gesichert und dokumentiert werden, bevor man aufräumt und die zerschossenen Autos auf den Schrottplatz bringt. Das Ausmaß ist ungeheuerlich, man wird nicht alles dokumentieren können – aber gerade in den befreiten Gebieten sollte man das machen.
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