USA
Mach’s noch einmal, Joe!
Seit Monaten wird über den Termin für die De-facto-Entscheidung über den Präsidentschaftskandidaten der Demokraten bei der nächsten US-Wahl 2024 spekuliert. Erst wollte sich Amtsinhaber Joe Biden über Weihnachten mit seiner Familie beraten und anschließend die Entscheidung mitteilen. Dann war von Februar, später von April die Rede. Nun soll es so weit sein: Am vierten Jahrestag von Bidens Einstieg in das Präsidentschaftsrennen für die Wahl 2020 soll die erneute Bewerbung verkündet werden.
Anders als bei den Republikanern, wo der derzeitige Favorit Donald Trump von mehreren innerparteiligen Konkurrenten herausgefordert wird, wäre für die Demokraten die Personalie damit klar. Mit der esoterischen Buchautorin Marianne Williamson und dem Anti-Impf-Aktivisten Robert F. Kennedy haben nur zwei ebenso randständige wie chancenlose Figuren ihre Bewerbung für den Kandidatenposten kundgetan. Dass ein prominenter Parteivertreter gegen den amtierenden Präsidenten antreten wird, gilt als extrem unwahrscheinlich.
Konstant bescheidene Umfragewerte
Biden kann für sich eine Reihe von Argumenten ins Feld führen: Er hat den mutmaßlichen republikanischen Kontrahenten Donald Trump schon einmal geschlagen. Unter seiner Führung schnitten die Demokraten bei den Zwischenwahlen deutlich besser als erwartet ab. Er hat trotz schwieriger Mehrheitsverhältnisse im Kongress gesetzgeberisch bemerkenswert viel durchbekommen. Und am Arbeitsmarkt steigen Beschäftigtenzahlen und Löhne.
Auf der anderen Seite sind die Umfragewerte des Präsidenten konstant bescheiden. Mit nur leichten Abweichungen je nach Institut sind nur 42 Prozent der Amerikaner mit seiner Arbeit zufrieden, 52 Prozent jedoch nicht. Zwar fallen die Zustimmungsraten unter den Wählern der Demokraten deutlich besser aus: Dort liegen sie bei rund 80 Prozent. Doch die Euphorie für den Kandidaten bei jüngeren Unterstützern der Partei ist sehr gedämpft: Nur jeder Vierte unter 45-Jährige würde Biden definitiv seine Stimme geben.
Ein Stolperer, ein Sturz
Ein wesentlicher Grund dürfte das Alter des Kandidaten sein: Bei einer weiteren Vereidigung wäre der schon jetzt älteste Präsident in der Geschichte der USA 82, am Ende einer möglichen zweiten Amtszeit 86 Jahre alt. Zwar bescheinigt ihm sein Leibarzt eine gute Gesundheit. Doch ein Stolperer auf einer Flugzeugtreppe und ein Sturz vom Fahrrad haben Zweifeln an seiner Fitness Nahrung gegeben. Auch wirkt Biden bei seinen Auftritten etwas steif. Seine Reden sind öfter tonlos. Er verspricht sich regelmäßig. Und seine Anekdoten wiederholen sich.
Ob solche Überlegungen eine Rolle in der langen Entscheidungsphase gespielt haben, ist nicht bekannt. Offenkundig scheint aber, dass sich derzeit keine überzeugende Alternative aufdrängt: Vizepräsidentin Kamala Harris hat es in den ersten zwei Jahren ihrer Amtszeit nicht geschafft, mit einem einzigen Thema in Verbindung gebracht zu werden. Verkehrsminister Pete Buttigieg scheint den öffentlichen Auftritt und die Selbstdarstellung besser als seinen Job zu beherrschen. Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom bleibt bundespolitisch blass.
Biden hat seine offizielle Bewerbung womöglich hinausgezögert, weil er so noch etwas länger versuchen konnte, sich aus den vergifteten politischen Grabenkämpfen herauszuhalten und mit seiner präsidialen Bilanz zu punkten. Andererseits darf er so lange auch keine Spenden für seine Kampagne einwerben. Das könnte zum Problem werden. „Das Geld steht im Zentrum der Zeitplanung“, schreibt die „New York Times“.