Politik Leitartikel: Unnötig. Eigentlich …

Wahlkampf ist der Versuch, jahrelang Versäumtes binnen weniger Wochen nachzuholen.
Eigentlich ist die Frage zweitrangig: Hat der Bundestagswahlkampf nun auch offiziell begonnen? Ein offenbar bekümmerter Leitartikler schrieb dieser Tage: „Aber er (der Wahlkampf) beginnt und beginnt einfach nicht …“. Ein flüchtiger Blick in die Zeitungsspalten und Online-Artikel vom Wochenende verrät: Die Beobachter sind sich nicht einig. Ja, er hat begonnen, war zu lesen, jetzt, da die Kanzlerin aus dem Urlaub auf die politische Bühne zurückgekehrt ist. Aha, auf die Kanzlerin kommt es also an. Aber warum eigentlich? Denn zugleich wird berichtet, wie SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz seit Wochen werbend durch die Republik tingelt. Und äußert sich FDP-Chef Christian Lindner nicht auch längst zu wirklich allem? Lächeln nicht längst Kandidatenporträts von jedem dritten Laternenmasten? Egal. Die Frage ist, siehe oben, ziemlich zweitrangig. Aber dass sie gestellt und unterschiedlich beantwortet wird (wenn auch nur am Rande), zeigt vor allem eines: Wir sind uns nicht so sicher, was Wahlkämpfe eigentlich wirklich sind. Politische Kommunikation, inhaltliche Selbstvergewisserungen, Kampagnen, Mobilisierungen, Inszenierungen, Beeinflussungen, Himmel-auf-Erden-Versprechungsorgien? Von allem ein bisschen? Wahlkämpfe sind vor allem eines: Sie sind der Versuch, Versäumtes nachzuholen. Idealtypisch haben Parteien vier Jahre lang Zeit, in ihren unterschiedlichen Rollen (hier die Regierung, da die Opposition) ihre Politik zu erklären. Sie können im Laufe einer ganzen Legislaturperiode für ihre Art der Gegenwartsgestaltung werben und einen Fahrplan für die Zukunft entwerfen. So gesehen sind Wahlkämpfe gänzlich unnötig. Aber in der Realität funktioniert der idealtypische und stetige Kommunikationsprozess zwischen Gewählten und Wählern immer weniger. Wahlkämpfe verändern sich. Wurde vor den 1990er Jahren noch lustvoll mit grober ideologischer Keule aufeinander losgegangen, kann inzwischen das glatte Gegenteil geeignetes Stilmittel des Wahlkampfes sein: die asymmetrische Demobilisierung. Kontroversen bleiben ausgespart, Formulierungen werden bewusst unbestimmt gewählt. Ziel ist es, potenzielle Wähler des Gegners nicht zu mobilisieren. Das ist zwar keine deutsche Erfindung. Aber CDU-Kandidatin Angela Merkel hat es darin zu einer gewissen Kunstfertigkeit gebracht. Was SPD-Bewerber Martin Schulz wie eine beleidigte Leberwurst jammern ließ: „Ich nenne das einen Anschlag auf die Demokratie.“ Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen. Von wem auch immer das Zitat stammt – es gilt auch für diesen Wahlkampf. Vermutlich aber wird der asymmetrische Wahlkampf diesmal nicht funktionieren. Schon allein deshalb, weil diejenigen, die Merkel das Kanzleramt streitig machen wollen, die Einlullstrategie schon mindestens einmal leidvoll erfahren und inzwischen als Gefahr erkannt haben. Aber anhaltend grob dürfte die Auseinandersetzung auch nicht werden. Die Zeiten sind nicht danach. Auch, weil die Haudraufs dieser Welt, ob sie nun Trump oder Erdogan heißen, eher abschreckend wirken. Vermutlich wird sich der Wahlkampf irgendwie bis zur Woche vor dem Urnengang hinschleppen und dann erst richtig Fahrt aufnehmen. Denn wenige Tage vor der Wahl wollen die Unentschlossenen überzeugt werden. Diese Gruppe wird immer größer. Für Puristen wäre dann immerhin die zweitrangige Frage beantwortet, wann denn nun endlich der Wahlkampf richtig losgeht.