Politik Leitartikel: Spiel mit dem Feuer

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Die Albaner drohen der EU wieder einmal mit dem Gespenst „Großalbanien“, falls der Beitrittsprozess nicht beschleunigt wird. Brüssel sollte

das ernst nehmen, will es neue Konflikte auf dem Balkan vermeiden. Die meist autokratischen

Machthaber schüren neue Konflikte, um von ihrem Versagen abzulenken.

Es mutet wie ein kleiner Scherz an, doch die politische Sprengkraft, die dahinter steckt, ist enorm. Vor zwei Jahren steuerten albanische Nationalisten eine Drohne mit einer großalbanischen Flagge durch das Fußballstadion in Belgrad. Die Provokation wiederholte sich kürzlich in einem Stadion der mazedonischen Hauptstadt Skopje. Die Botschaft, die dahinter steckt, ist nicht zu übersehen: Europa soll die Albaner nicht vergessen. Als politischer Zündler am Pulverfass tat sich erneut der albanische Premier Edi Rama mit der Idee hervor, seine Republik und die seit 2008 abgespaltene serbische Albanerprovinz Kosovo könnten ja eine „kleine Union“ bilden, sollte die EU die Türen zumachen. Ramas erhielt für seinen Vorstoß umgehend Unterstützung, und zwar von Hashim Thaci, Präsident Kosovos. Er schwadronierte, Ziel sei „ein einheitlicher Staat für alle Albaner“, fügte aber hinzu: „Unter dem Dach der Europäischen Union.“ Auffallend ist, dass beide das Tabuwort „Großalbanien“ meiden. Trotzdem fordern sie leichtsinnig die Gefahr heraus. So gibt es warnende Stimmen, dass Großalbanien einen großen Krieg auf dem Balkan heraufbeschwören könnte. Denn ohne bewaffnete Konflikte mit der Absicht, neue Grenzen zu ziehen, ist ein einheitlicher Albanerstaat nicht zu haben. Aus den Balkankriegen Anfang des 20. Jahrhunderts ist die Republik Albanien als einziges geschlossenes Staatsgebilde hervorgegangen, etwa die Hälfte der Albaner lebt seither verstreut in mehreren Ländern – außer in Albanien auch in Mazedonien, Serbien, Bulgarien und Montenegro. Aus Nordgriechenland wurden die Albaner bereits nach dem Zweiten Weltkrieg fast vollständig vertrieben. Serbien hat neben dem ungelösten, stets mit Spannungen geladenen Verhältnis zum Kosovo noch ein zweites Albanerproblem. An der Ostgrenze Kosovos liegen die überwiegend albanisch besiedelten Gemeinden Presevo, Medvedija und Bujanovac, die Nationalisten als „Ostkosovo“ bezeichnen. Der Name verrät den Wunsch nach Anschluss und sollte zugleich der erste Grundstein für ein Großalbanien sein. Jonuz Musliu, Bürgermeister von Bujanovac, ist gedanklich schon auf dem Eroberungsfeldzug: Großalbanien, sagte er auf den Vorstoß von Ramas und Thacis, sei undenkbar ohne Nis, die zweitgrößte Stadt Serbiens, Skopje, die Hauptstadt Mazedoniens, Ulcinj, die Albanerhochburg Montenegros und die Stadt Epirus in Nordgriechenland Die derzeitigen Albanerführer spielen mit dem Feuer. Einen Krieg wollen sie in Wirklichkeit jedoch nicht, denn sie wissen, dass sie im Westen dafür keinerlei Verständnis, geschweige denn Unterstützung erwarten können. Es geht vielmehr um ein taktisches Manöver, um die EU unter Druck zu setzen, den fast stillstehenden Integrationsprozess zu beschleunigen. Das bedeutet aber nicht, dass sich die EU-Politiker wieder entspannt zurücklehnen können. Nicht nur die Albaner, auch die übrigen Balkanvölker, sehen die Europa-Perspektive beinahe täglich schwinden, während ihre meist autokratischen und korrupten Machthaber zwecks Ablenkung ihres Versagens neue Konflikte schüren. Die EU verliert täglich an Anziehungskraft, während der Einfluss Russlands und der Türkei stark gewachsen ist. Wirtschaftlich haben zwar beide großen Regionalmächte praktisch keinerlei Bedeutung für diese Länder, umso stärker ist Wladimir Putins und Recep Tayyip Erdogans Interesse, Konflikte zu schüren, um Europa zu schwächen.

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