Politik Leitartikel: Mehr Mediziner ausbilden!

Mehr Medizinstudienplätze wären das beste Mittel gegen den Ärztemangel. Die Bundesländer versagen hier. Teilweise aus verständlichen Gründen.
Am besten wäre, sie verlören die Zuständigkeit für die Ausbildung. Den Bedarf an Ärzten mit
ausländischen Medizinern zu
decken, ist nicht optimal.
Wer sich die Statistiken zu Ärzten in Deutschland anschaut, muss sich eigentlich wundern, dass ständig über einen Mangel an Medizinern gesprochen wird. Denn die Zahlen steigen. 2017 sind wieder 6500 Ärzte dazugekommen, es sind nun 385.000. Doch die Warnungen vor einem Engpass sind nicht aus der Luft gegriffen. Peter Heinz, der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung in Rheinland-Pfalz, spricht davon, dass das Leistungsspektrum eines Arztes der jungen Generation bei 0,57 von dem liege, was ein alter Mediziner beitrage. Im Klartext: Für jeden Arzt, der in Ruhestand geht, braucht es fast zwei Nachwuchsmediziner. Dafür gibt es Gründe: Viele junge Mediziner möchten nicht mehr 60, 70 Stunden die Woche arbeiten wie ihre Vorgänger. Man kann auch sagen, sie wollen sich nicht selbst ausbeuten, sondern auch Freizeit und Familienleben haben. Hinzu kommt, dass immer mehr Frauen den Arztberuf ergreifen. Wenn sie Mutter werden, arbeiten viele nur noch Teilzeit, um Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Mehr Ärzte werden auch gebraucht, weil die Bevölkerung immer älter wird. Ältere Menschen haben häufiger Behandlungsbedarf. Dass die Anzahl der Mediziner in Deutschland steigt, liegt nicht zuletzt an der Zuwanderung. Bereits gut 50.000 ausländische Ärzte sind hierzulande tätig. Doch den Ärztemangel über Zuwanderung zu lösen, ist nicht optimal. Da ist zum einen oft die Sprachbarriere. Für viele Patienten ist es schon schwierig, ihren deutschen Arzt zu verstehen, wenn er mit Fachvokabular um sich wirft. Wenn noch mangelnde Deutschkenntnisse dazukommen, wird es schwierig. Auch in der Verständigung unter Medizinern, beispielsweise im Krankenhaus: Wenn dort Behandlungen abgesprochen werden müssen, geht es nicht selten um komplexe Sachverhalte, bei denen Genauigkeit erforderlich ist. Verstehen sich die handelnden Personen nicht richtig, ist das ein großes Problem. Es ist zum anderen ein Widerspruch, wenn die Bundesrepublik Mediziner aus Schwellen- und Entwicklungsländern mit offenen Armen empfängt – und man sich dann wundert, dass diese Länder nicht auf die Beine kommen und die Menschen sich auf den Weg nach Europa machen. Die Lösung wäre, mehr Studienplätze in Deutschland zu schaffen. Den nicht einmal 10.000 Medizinstudienplätzen pro Jahr steht ein Mehrfaches an Bewerbern gegenüber – eigentlich eine luxuriöse Situation im Vergleich zu anderen Branchen, die verzweifelt Fachkräfte suchen. Doch die Bundesländer scheitern seit Jahren daran, deutlich mehr Plätze zu schaffen. Man kann das sogar verstehen. Ein Medizinstudienplatz ist teuer, er kostet etwa 30.000 Euro im Jahr. Und es gibt keine Garantie dafür, dass der Student sein Studium beendet. Oder dass er im Land bleibt. Möglich also, dass die Investition verpufft. Wenn sich etwas bessern soll, müssen die Bundesländer die Zuständigkeit an den Bund abgeben. Schon klar: Der Ruf nach dem Bund ist die Standardreaktion, wenn im deutschen Föderalismus etwas vermeintlich schief läuft. Doch hier gibt es einen handfesten Grund: Die meisten Mediziner zieht es eher in die Stadt als aufs Land. Ländlich geprägte Länder wie Rheinland-Pfalz können sich ausrechnen, dass zusätzliche Investitionen in die Medizinerausbildung nicht unbedingt den eigenen Bürgern zugute kommen würden. Der Anreiz, hier zu handeln, ist entsprechend gering. Deshalb muss der Bund übernehmen.