Politik Leitartikel: Kims Strategie geht auf

Nordkoreas Machthaber gibt sich gesprächsbereit. Der Taktikwechsel hat
Methode. Er bietet gleichwohl die Chance, auf einen friedlichen Wandel
hinzuwirken. Aber die Sanktionen müssen bleiben, bis das Regime abrüstet. Die größte Hoffnung richtet sich
darauf, dass sich Nordkorea
von innen heraus wandelt.
Die Welt reibt sich die Augen. Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un gibt sich plötzlich gesprächsbereit, die Kriegsgefahr scheint gebannt, nordkoreanische Sportler dürfen zu den Olympischen Spielen anreisen. Südkoreas Präsident Moon Jae-in kann in seine lange versprochene Annäherungspolitik einsteigen. Selbst US-Präsident Donald Trump lehnt das Gespräch mit dem Diktator nicht mehr rundheraus ab. Das scheint überraschend zu kommen, fällt aber in ein langfristiges Muster. Die Dynastie der Kims hat die Nachbarstaaten und die Großmächte immer wieder provoziert, um dann die Ernte in Form von Wirtschaftshilfe einzufahren. Kims versöhnliche Ansprache an Neujahr markierte den Punkt, an dem er von einer Taktik auf die andere umgeschaltet hat. So hatte es sein Vater auch schon mehrfach gemacht. Eine kalkulierte Strategie. Für Südkoreas Präsident Moon ist der Zeitpunkt des Kurswechsels ein Glücksfall, weil mit den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang ein Großprojekt bevorsteht, das erhebliche internationale Aufmerksamkeit auf sich zieht und absolute Sicherheit für die Gäste erfordert. Kims Strategie geht auf. Moon hat schon eine Aufhebung der Sanktionen ins Spiel gebracht und denkt über langfristige Gesprächsformate nach. All dies, ohne dass Kim auch nur eine einzige Rakete oder Atomwaffe verschrotten muss. Es ist dennoch richtig für Moon, das Ziel einer Versöhnungspolitik zu verfolgen. Zugleich wäre es die Rolle der USA, auf eine Fortsetzung der Sanktionen zu drängen, bis Kim ernsthaft abrüstet. Doch Trump verhält sich gewohnt naiv und widersprüchlich. Seine Sprüche vom „größeren Atomknopf“ und von „Feuer und Zorn“ schienen auf einmal vergessen zu sein, als Trump in einem Interview mit dem „Wall Street Journal“ sagte : „Ich habe eine sehr gute Beziehung zu Kim.“ Das verblüffte, schließlich hatte Kim ihn noch vor wenigen Wochen einen „Tattergreis“ genannt und den USA mit totaler Vernichtung gedroht. Trump wiederum hatte Kim als „klein und dick“, „Raketenmann“ und „kranken Welpen“ beschimpft. Dass es möglicherweise geheime Gesprächskanäle zwischen Trump und Kim geben könnte, kann man ziemlich sicher ausschließen. Unbedachte Äußerungen aber sind in einem nuklear aufgeladenen Konflikt nicht gerade zielführend. Kim wird sich ins Fäustchen lachen. Trotz alledem ist es eine gute Nachricht, dass sich das Fenster für Gespräche wieder öffnet. Ein militärischer Konflikt, ein Krieg gar wäre katastrophal. Und ein plötzlicher Zusammenbruch des Kim-Regimes im Norden wäre ein Szenario, das auch Südkorea vermeiden will. Solange Gesprächskanäle nach Nordkorea offen sind, lässt sich mehr Einfluss nehmen. Die größte Hoffnung richtet sich weiterhin darauf, dass sich Nordkorea von innen heraus wandelt – über Reformen, die den Lebensstandard steigern und der Bevölkerung mehr Mitsprache geben. Kim schwankt noch zwischen zwei Strategien: das Volk in Armut halten, weil es dann gefügiger ist, oder Reformen nach chinesischem Muster einleiten und sich als Genie der Wirtschaftspolitik feiern lassen. Vorerst bevorzugt der Diktator es, die Leute arm und ignorant zu halten. Es käme jetzt darauf an, Kim von den Vorteilen des Wirtschaftswachstums und einer Öffnung nach außen zu überzeugen. Chinas Diplomaten arbeiten schon daran. Auch die westlich orientierten Länder sollten die Chance nicht verstreichen lassen, die die derzeitige freundliche Periode der nordkoreanischen Politik bietet.