Politik Leitartikel: Glühende Landschaften

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Viele Deutsche betrachten den Klimawandel als ein Problem für ferne Länder. Veränderungen sind aber bereits vor allem im Osten Deutschlands sichtbar. Doch für die Bundesregierung sind Klimafolgen allenfalls ein Randthema. In ein paar Jahrzehnten wird

Brandenburg so viele Tage über 30 Grad haben wie heute Südfrankreich.

Das Klima verändert sich schrittweise. Und das macht es so schwierig, den Wandel wahrzunehmen und die darin liegenden Gefahren zu erkennen. Seit 1960 ist jedes Jahrzehnt im Schnitt wärmer geworden als das vorherige. Die Eisschilde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt, die Ozeane werden wärmer, und die Treibhausgase in der Atmosphäre haben 2017 weltweit eine neue Rekordmenge erreicht. Extremwetterereignisse wie wochenlange Hitzewellen, Tropennächte und Trockenheit, Orkane und heftige Gewitter, Starkregen und Überflutungen haben sich beinahe unbemerkt in den Wetteralltag eingeschlichen. In Umfragen zeigt sich, dass viele Deutsche den Klimawandel als ein Problem für ferne Länder betrachten – als eine zwar globale, aber eben theoretische Bedrohung. Für unsere Wahrnehmung schreiten die Veränderungen zwischen Nordsee und Zugspitze, zwischen Oder und Rhein eben viel zu langsam voran. Wer merkt schon, dass die Vegetationszonen von Süden nach Norden sukzessive vorrücken, zunehmend Tiere und Pflanzen sich ausbreiten, die eigentlich südlich des Alpenhauptkamms zuhause sind? Zwar verursachen die extremen Wetterschäden mittlerweile Kosten in Höhe von rund drei Milliarden Euro jährlich. Doch wenn der Keller leergepumpt ist, die umgestürzten Bäume weggeräumt sind, verblasst selbst bei Betroffenen rasch die Empörung. Tatsächlich sind die Veränderungen schon weit fortgeschritten. Das wird vor allem im Osten Deutschlands sichtbar. Die blühende Landschaften, die Einheitskanzler Helmut Kohl selig einst am Horizont wähnte, verwandeln sich zunehmend in glühende Landschaften. Für das Institut für Klimafolgenforschung, das die Bundesregierung berät, ist Berlin-Brandenburg am frühesten und extremsten vom Klimawandel betroffen. Das liegt auch an den vielen Sandböden, die kaum Wasser speichern. In ein paar Jahrzehnten wird Brandenburg so viele Hitzetage über 30 Grad haben wie heute Südfrankreich. Das hat fatale Folgen: Da auch die Anzahl der kalten Tage zurückgeht, kann dort in naher Zukunft kein Winterweizen, die wichtigste Agrarpflanze in Deutschland, mehr angebaut werden; Sommerweizen hingegen liefert nur die Hälfte des Ertrags. Brandenburg fördert immerhin schon Forschungsprojekte für einen effizienten Wassereinsatz und die Anzucht klimaangepasster Straßenbäume, prüft mehr Beschattung und Begrünung in den Städten. Doch für die Bundesregierung sind Klimafolgen allenfalls ein Randthema. Im Koalitionsvertrag von Union und SPD findet sich kein Maßnahmenkatalog für den Klimaschutz. Einzig Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU) geht das Thema offensiv an, aus gutem Grund. Wenn der Klimawandel fortschreitet, werden in Afrika noch mehr Anbauflächen trockenfallen, die klimabedingte Migration in Richtung Europa weiter zunehmen. Da der Klimawandel ein globales Phänomen ist, erscheint der Einzelne machtlos – ist er aber nicht. Aber Klimaschutz ist unbequem, denn er bedeutet Verzicht: auf viel zu große Pkw, auf kurze Autofahrten, auf häufige Flugreisen, auf täglichen Konsum von Fleisch, das während der Produktion hohe Emissionen freisetzt, oder auf den preiswertesten Stromtarif, der zumeist aus schmutzigen Braunkohlekraftwerken stammt. Längst ist auch die Zivilgesellschaft gefragt, um weltweit den Druck zu erhöhen. Das ist dringend notwendig in Zeiten, in denen US-Präsident Donald Trump behauptet, der Klimawandel sei eine Erfindung der Chinesen.

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