Neues aus der Redaktion Krieg ist Krieg
Liebe Leserinnen und Leser,
die Gesetze des russischen Pseudo-Parlaments gegen die „Verbreitung von Falschmeldungen“ und gegen „Aufrufe zu Sanktionen gegen Russland“ beeinflussen den Alltag unserer Redaktion wie jede andere Redaktion demokratischer Medien.An erster Stelle müssen wir unsere Korrespondentinnen und Korrespondenten in Moskau schützen. Wenn in deren Texten die Begriffe „Krieg“, „Aggression“, „Einmarsch“, „Invasion“, „Überfall“ oder „Angriff“ auftauchen oder sie Illustrationen nutzen, in denen russische oder ukrainische Texte zu lesen sind, drohen ihnen Gefängnis und Haft bis zu 15 Jahren. Der Kreml und alle nachgeordneten Behörden nennen den Krieg nur „Sondereinsatz des Militärs“ oder „Friedensmission zum Schutz russischsprachiger Ukrainer“.
Unter den Androhungen des Kreml ist eine freie Berichterstattung aus Russland nicht mehr möglich. Unser Korrespondent in Moskau hat sich dennoch entschieden, in der Hauptstadt zu bleiben und über den russischen Alltag so zu berichten, dass es den Zensurbehörden keinen Zugriff ermöglicht.
Wir werden immer wieder auf diese massiven Einschränkungen der Pressefreiheit in Russland hinweisen. Auf die Wiedergabe von Informationen, deren Quelle und Wahrheitsgehalt nicht eindeutig zu klären sind, verzichten wir. Oder wir schreiben es dazu, wenn wir eine Nachricht nicht unabhängig überprüfen können.
Schwer erträgliches Foto
Es ist klar: Nicht nur Russlands Machthaber betreiben während Putins Krieg Propaganda. Auch die Regierung der Ukraine tut es. Deshalb prüfen wir deren Informationen genauso wie die amtlichen Nachrichten aus Moskau. Der Unterschied ist, dass wir in der Ukraine Journalisten, Kontaktpersonen, Bekannte und Freunde haben, die noch frei reden und ihre Meinung sagen können. Doch wird es nahezu täglich schwieriger, sie auch zu erreichen.
Berichterstattung über Krieg ist eine schwierige Herausforderung. Auch die Auswahl der Fotos bedarf der Sorgfalt und des Nachdenkens. Die „New York Times“ druckte auf ihrer Titelseite ein von ihrer eigenen Fotografin gemachtes Bild, das die Ermordung einer ukrainischen Familie durch russischen Beschuss dokumentiert. Es anzusehen, ist schwer erträglich. Der Familienvater, der, anders als die Mutter und die Kinder, überlebt hat, hält die Veröffentlichung für richtig. Das Foto dokumentiere ohne jeden Zweifel ein Kriegsverbrechen. Abdrucken oder nicht? Es sind solche Gratwanderungen, vor die sich die Redaktionen bei ihrer Darstellung des Krieges fast täglich gestellt sehen.
Krieg Putins, nicht der Russen
Wichtig ist uns auch, in der Berichterstattung der RHEINPFALZ nicht das Volk der Russen beziehungsweise die Völker Russlands für schuldig zu erklären. Es ist der Krieg Putins und seiner Adlaten. Jene von uns, die in Russland waren, ob dienstlich oder privat, wissen: Die Menschen dort sind gastfreundlich und friedliebend. Das Land ist faszinierend. Russlands Kultur und seine Geschichte sind von herausragender Bedeutung für Europa. Was will man da sehnlicher, als mit diesen Russen und ihrem Land in Frieden zu leben – genauso wie mit der Ukraine und den Menschen dort.
Herzliche Grüße
Ihr
Michael Garthe