Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Krieg in der Ukraine: Wir machen uns schuldig – so oder so

Noch Anfang Februar besuchte Bundesaußenministerin Annalena Baerbock die sogenannte Kontaktlinie in der Ostukraine.
Noch Anfang Februar besuchte Bundesaußenministerin Annalena Baerbock die sogenannte Kontaktlinie in der Ostukraine.

Weil Wladimir Putin alles zuzutrauen ist, muss die Ukraine wohl weiter aufgerüstet werden. Die Konzentration aufs Militärische ist aber befremdlich. Waffen können nicht dauerhaft die Antwort auf Russlands Aggression sein.

Es ist beeindruckend und bedrückend zugleich, wie der ukrainische Schriftsteller Andrij Kurkow in seinem Roman „Graue Bienen“ über den seit Jahren währenden Krieg im Donbass schreibt. Beeindruckend, wie anschaulich und nur scheinbar belanglos er vom Leben und Sterben an der sogenannten Kontaktlinie zwischen ukrainischer Armee und prorussischen Separatisten erzählt. Bedrückend, weil es schmerzt, wie gleichgültig uns das Schicksal der Menschen in der Ukraine lange war. Menschen, die erkennbar für Werte streiten, die uns als selbstverständlich erscheinen, die aber nicht selbstverständlich sind.

Dass Russlands Präsident Wladimir Putin seine Armee tatsächlich in das Nachbarland einmarschieren ließ, war ein Realitätsschock, der auch nach mehreren Wochen Krieg nicht enden will. Die Frage ist jedoch: Hätte ihn eine andere Haltung des Westens zu einem bestimmten Zeitpunkt davon abgehalten? Die Antwort darauf ist reine Spekulation. Dass Russland jetzt rücksichtslos Verträge und das Völkerrecht bricht, ist jedenfalls kein vernünftiges Argument gegen Diplomatie. Nicht ohne Grund haben sich Staats- und Regierungschefs noch Anfang des Jahres in Moskau die Klinke in die Hand gegeben.

Es ist allein Putins Krieg

Um es klar zu sagen: Verantwortlich dafür, dass mitten in Europa die Waffen sprechen und wohl alsbald nicht wieder schweigen werden, ist einzig und alleine Russlands Präsident. Wladimir Putin war es, der eine friedliche und scheinbar wehrlose Ukraine überfallen ließ und so versucht, die Friedensordnung nach 1989 zu revidieren. Putin ist für die Zerstörung von Städten, Dörfern und Infrastruktur zwischen Lwiw und Charkiw verantwortlich. Putin ist der Schuldige für die Kriegsverbrechen seiner Soldaten. Weil Putin es will, sterben in der Ukraine Zivilisten, kommen Soldaten auf beiden Seiten ums Leben. Es wäre wünschenswert, wenn der verbrecherische Kremlherrscher gemeinsam mit der ihm hörigen Entourage vor dem Internationalen Strafgerichtshof landen würde.

Weil sich die Ukraine also gerade nicht mit Worten wehren kann, ist die Lieferung von Waffen dringend geboten, um Russlands Aggression zu stoppen. Und der Westen täte gut daran, nicht seine militärische Resterampe über dem Land auszuschütten.

Keine roten Linien mehr in Moskau

Der immer lautere Ruf nach immer mehr und immer schwereren Waffen – dessen sollte man sich freilich bewusst sein – wird aber keinen Frieden bringen. Die gelegentlich befremdliche Begeisterung fürs Militärische ist zudem voller Unwägbarkeiten. Putins Russland wäre nicht der erste in die Enge getriebene Aggressor, der beginnt, wild um sich zu schlagen. Rote Linien scheint es in Moskau jedenfalls keine mehr zu geben.

Früher oder später wird allerdings auch für diesen Konflikt eine Lösung am Verhandlungstisch gefunden werden müssen. Das Dilemma dabei ist, dass der Frontverlauf über die Nachkriegsordnung mitentscheiden wird. Es klingt zynisch, doch es ist so: Auf dem Schlachtfeld werden gerade die Ausgangspositionen für die Diplomaten ausgeschossen. Auch deshalb braucht die Ukraine zusätzliches militärisches Material.

Noch ein anderes Dilemma sollte uns sehr bewusst sein. Egal, wie wir uns entscheiden, ob wir weiter Waffen an die Ukraine liefern oder nicht: Sowohl Handeln als auch Nichthandeln werden Menschen mit ihrem Leben bezahlen. Wir machen uns schuldig – so oder so. Der Preis, das Selbstbestimmungsrecht und den Freiheitsdrang eines ganzen Landes lange Jahre ignoriert zu haben, ist hoch. Und er lässt sich nicht in Euro beziffern.

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