Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Konflikt um Berg-Karabach: Autokraten unter sich

Ein russischer Soldat spricht mit ethnischen Armeniern in einem Lager bei Stepanakert in Berg-Karabach.
Ein russischer Soldat spricht mit ethnischen Armeniern in einem Lager bei Stepanakert in Berg-Karabach.

Wladimir Putin hat das verbündete Armenien nicht nur im Stich gelassen, weil er mit der Ukraine militärisch nicht fertig wird.

Für Russland, Armeniens bisherigen Hauptverbündeten, ist der Untergang der Rebellenrepublik Berg-Karabach eine schlechte Nachricht. Das Schicksal, das den Karabach-Armeniern jetzt droht, dürfte auch den mit Moskau paktierenden Separatisten in Südossetien, Abchasien oder Transnistrien zu denken geben, ebenso in der besetzten Ostukraine. Das Ende des armenischen Traums von einem unabhängigen Berg-Karabach ist ein schrilles Signal an alle Schützlinge Moskaus. Die Botschaft: Wenn es brenzlig wird, krümmen wir keinen Finger, um euch und eure Interessen zu verteidigen.

Im Fall der Ukraine spielte die russische Befürchtung, die Nato könne dort Einzug halten, eine Rolle beim Einmarsch im vergangenen Februar. Aber schon Jahre vorher landeten Nato-Kampfbomber auf aserbaidschanischen Flughäfen – Jets der türkischen Luftwaffe. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat das öl- und gasreiche Land mit Zugang zum Kaspischen Meer faktisch aus Russlands Einflusssphäre herausgebrochen.

Erster Erfolg für Erdogans panturkisches Projekt

Aserbaidschan ist der erste große Erfolg bei Erdogans Projekt eines panturkischen Reichs. Dessen Fläche umfasst außer Zentralasien auch den islamischen Nordkaukasus und die Krim, macht also Putins Plan, das russisch-sowjetische Imperium neu zu errichten, existenzielle Konkurrenz. Moskau reagiert darauf seltsam träge.

Die meisten Experten erklären das mit Putins „Kriegsspezialoperation“ gegen die Ukraine, die viel russische Kräfte bindet. Aber der vorentscheidende Waffengang zwischen Baku und Eriwan um Berg-Karabach fand schon im Herbst 2020 statt. Obwohl die Aserbaidschaner damals auch einen russischen Armeehubschrauber abschossen, ignorierte Moskau den Bündnisfall glatt.

Chemie zwischen Moskau und Eriwan stimmt nicht mehr

Auch auf dem internationalen Parkett geht es außer um reale Potenziale und Interessen auch um banale Anti- oder Sympathien, um das, was man „Chemie“ nennt. Und die stimmt zwischen Moskau und Eriwan schon lange nicht mehr. Zwischen Wladimir Putin und dem armenischen Premierminister Nikol Paschinjan hat sie eigentlich nie gestimmt. Der liberale Oppositionsjournalist Paschinjan kam 2018 nach Straßenprotesten an die Macht, auf seinem Programm stand vor allem der Kampf gegen die Korruption.

Wladimir Putin aber ist bekanntlich allergisch gegen demokratische Politiker, die „Samtrevolutionen“ veranstalten. Ihm sind Machtmenschen wie Aserbaidschans Präsident Alijew oder Erdogan mit ihrer Logik viel begreiflicher. Alijew ist wie Putin Dauermachthaber, gilt als Dollar-Multimilliardär. Alijew riecht nach Luxus, nach wenig Skrupel und nach der Bereitschaft zum Kuhhandel unter Ausschluss der Öffentlichkeit. So wie Erdogan.

Nackter Überlebenskampf

Liberale wie Paschinjan haben bei Putin keine Chance. So einer würde hier längst im Gefängnis sitzen, bemerkte ein armenischer Taxifahrer in Moskau einmal zutreffend.

Putins Sprecher Dmitrij Peskow redet jetzt den Bruch des Waffenstillstandes von 2020 durch Alijew schön: De jure gehe es ja um Aktionen der Republik Aserbaidschan auf ihrem Gebiet.

Paschinjan und seine 2,8 Millionen Armenier mögen sich verhöhnt und verraten fühlen. Aber zwischen Aserbaidschan, der Türkei und Russland bleibt ihnen nur der nackte Überlebenskampf.

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