Politik
Kommentar zur Tesla-Ansiedlung: Gewinn für Deutschland
Mit dem geplanten Bau der Tesla-Fabrik bei Berlin legt Firmenchef Elon Musk ein Bekenntnis zu Deutschland ab. Das sollte auch die Deutschen animieren, wieder mehr an ihr Land und dessen Zukunft zu glauben.
Schade. Mit der überraschenden Ankündigung von Elon Musk, die erste Tesla-Fabrik auf europäischem Boden bei Berlin zu errichten, haben sich die Hoffnungen in Rheinland-Pfalz auf diese Ansiedlung zerschlagen. Eine Tesla-Fabrik am ehemaligen Flughafen in Zweibrücken: Für die unter Strukturproblemen leidende Westpfalz und das angrenzende Saarland, auf die mit den tiefgreifenden Veränderungen in der Automobilindustrie weitere Herausforderungen zukommen, wäre das mehr als ein Lichtblick gewesen. Tausende Arbeitsplätze in einer Zukunftsbranche – neben den positiven sozioökonomischen Folgen hätte das für die Region auch psychologisch einen enormen Auftrieb bedeutet.
Nun also Berlin. Legt man die regionale Brille beiseite, bleibt festzuhalten: Die Standortentscheidung des visionären, schillernden, keineswegs unumstrittenen Tesla-Chefs ist ein Gewinn für den Standort Deutschland. Ein Standort, an dem seit einiger Zeit kaum mehr was voranzugehen, zu funktionieren scheint. Angefangen bei den Bau-Desastern Hauptstadtflughafen BER und Bahnhof Stuttgart 21, über eine vielerorts marode Infrastruktur und eine vermurkste Energiewende bis hin zur Automobilindustrie, die den (elektrischen) Zug Richtung Zukunft zu verpassen droht.
Provokation und Chance für deutsche Hersteller
Wenn jemand wie Elon Musk sich gleichwohl für diesen Standort entscheidet, hat das auch, aber nicht nur damit zu tun, dass Deutschland der größte nationale Absatzmarkt für Automobile in Europa ist. Zum Ja zu Deutschland beigetragen haben dürfte, dass die Bundesrepublik nach wie vor über hervorragende Facharbeiter und Ingenieure verfügt, dass der für jeden Automobilhersteller unverzichtbare Mittelstand hierzulande einzigartig ist, dass dieses Land – und das vergessen wir einheimischen Beobachter bei aller berechtigten Kritik allzu oft – nach wie vor über enorme Kapazitäten und Fähigkeiten verfügt. Wünschenswert wäre jedenfalls, dass das Bekenntnis Musks zu Deutschland die Deutschen selbst dazu animiert, wieder mehr an ihr Land und dessen Zukunft zu glauben.
Lange Zeit wurde Musk als zwischen Genie und Spinnerei wandelnder Typ angesehen, der unbeirrt an seiner Idee des Elektroautos festhielt – und dabei Unmengen Investorengeld verbrannte. Inzwischen wird Musk, wird Tesla ernst genommen. Dass dieses so typisch amerikanische Unternehmen nun ausgerechnet in Deutschland, dem Geburtsland des Automobils, Fahrzeuge produzieren will, kommt einerseits einer für Musk typischen Provokation der etablierten Hersteller von Audi bis Volkswagen gleich. Andererseits könnte diese Ansiedlung dabei helfen, die Elektromobilität aus dem Schattendasein zu führen, in dem sie hierzulande immer noch verharrt. Davon würden wiederum auch alle anderen Hersteller profitieren. Voraussetzung dafür ist, dass sich das Umfeld für den Einsatz von Elektrofahrzeugen, etwa mit Blick auf die Ladeinfrastruktur, rasch deutlich verbessert.
Großer Nachholbedarf bei E-Mobilität
Wie weit der Weg bis zum Durchbruch der Elektromobilität noch ist, veranschaulicht folgende Zahl: Tesla ist Marktführer bei E-Autos in Deutschland – mit 9300 neu zugelassenen Fahrzeugen zwischen Januar und Oktober 2019. Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum wurden bundesweit über drei Millionen Pkw neu zugelassen. Es gibt also großen Nachholbedarf, und zugleich großes Potenzial. Tesla hat das erkannt.