Politik
Kommentar zur Bevölkerungsentwicklung: Zukunft wird Gegenwart – die Politik muss handeln
Haben wir wirklich verstanden, was da vor sich geht? Haben wirklich alle begriffen, was demografisch auf die Europäer, insbesondere die Deutschen zukommt? Um die Dimension des Wandels zu veranschaulichen, hier ein paar nackte Zahlen: Um 1900 herum, als die Europäer auf weiten Teilen des Erdballs Kolonien besaßen, stellten sie 24 Prozent der Weltbevölkerung. 2018 ist dieser Anteil auf 9,79 Prozent geschrumpft – Tendenz fallend. Der jüngste Bevölkerungsreport der Vereinten Nationen geht davon aus, dass die Sterberate die Geburtenrate in einer Reihe europäischer Länder künftig klar übersteigen wird: in Estland, Ungarn, Italien, Russland, Serbien, Weißrussland, der Ukraine – und in Deutschland.
Aus der rechten Ecke erklingt dumpf die Warnung: Der Weiße wird verdrängt! Doch weil zugleich auch noch der Anteil der älteren (nicht arbeitenden) Bevölkerung steil in die Höhe schießen wird und es bereits vielfach an Arbeitskräften mangelt, führt an geregelter Einwanderung kein Weg vorbei. Ohne Zuwanderung wäre die Bevölkerung bereits seit 1972 geschrumpft.
Fast ein Drittel der Bevölkerung
Der Beschäftigungsaufschwung in Deutschland neigt sich nach einem guten Jahrzehnt dem Ende zu. Weil allmählich die Babyboomer, die geburtenstarken Jahrgänge der 50er und 60 Jahre, in Rente gehen. Dabei handelt es sich um fast ein Drittel der Bevölkerung. Wenn aber die Anzahl der einheimischen Arbeitskräfte in den kommenden Jahren millionenfach abnimmt, geraten Wohlstand und Lebensqualität in Gefahr. Sinkt zugleich das Wirtschaftswachstum, ergeben sich steigende Kosten für die Sozialsysteme.
Sicher: In dieser Gleichung gibt es noch mehrere Unbekannte. Zum Beispiel, was die Automatisierung bewirken wird. Doch so schnell wie die Arbeitskräfte in den Ruhestand gehen werden, können diese vermutlich nicht durch Roboter oder clevere Software ersetzt werden.
Die Bundesregierung hat bereits reagiert und neue Regeln für einwanderungswillige Fachkräfte geschaffen. Doch im internationalen Vergleich sind diese immer noch nicht überzeugend. Außerdem: Wenn Gesundheitsminister Jens Spahn Mexikaner oder Filipinas überzeugen will, nach Deutschland zu kommen und dort im Krankenhaus zu arbeiten, muss er ihnen zugleich Mut machen, die schwierige Sprache namens Deutsch zu lernen. In anderen Ländern können Ausreisewillige ihren Alltag durchaus mit Schulenglisch bewältigen …
Nicht nur Pflegekräfte fehlen
Vor diesem, sehr komplexen Hintergrund will die Rentenkommission im März endlich ihre Vorschläge zur Alterssicherung und zur Zukunft der gesetzlichen Rentenversicherung vorlegen. Noch einmal: Die Rentenkasse ist derzeit ja nur deswegen so üppig gefüllt, weil in Deutschland Vollbeschäftigung herrscht und es viele sozialversicherungspflichtige Jobs gibt. Ändert sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt, schlägt das auf die Rentenversicherung durch.
Allerdings hat die Politik früher, in wirtschaftlich guten Zeiten, Haltelinien eingezogen: Das Rentenniveau darf nie unter eine bestimmte Grenze fallen. Damit dies nicht geschieht, gibt es vor allem zwei Möglichkeiten. Entweder zahlen die Arbeitnehmer und -geber höhere Rentenbeiträge – oder der Staat erhöht den Zuschuss für die Rentenkasse (mit Steuergeldern).
Seit der Jahrtausendwende ist viel über Demografie und damit zusammenhängende Entwicklungen in der Zukunft geschrieben worden. Verändert wurde zu wenig, wie das Beispiel fehlende Pflegekräfte zeigt. Das geht nun nicht mehr, da die Zukunft zur Gegenwart wird.