Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Kommentar zum Madrider Klimagipfel: Ende gut, alles offen

„Fridays for Future“-Demo in Madrid
»Fridays for Future«-Demo in Madrid Foto: REUTERS

Nach über 40 Stunden Nachverhandlungen gibt es wirklich eine Abschlusserklärung. Die schlechte Nachricht: Für den Klimaschutz wurde nicht viel erreicht. Eine Frage, die sich daraus ergibt, ist: Wie wird die Jugend reagieren?

Gegen Schluss des Madrider Klimagipfels hieß es von übernächtigten Mitarbeitern der Vereinten Nationen, im ungünstigsten Falle würden die Delegationen mit leeren Händen in ihre Hauptstädte zurückkehren. Im günstigsten Fall würden sich die Unterhändler aus 196 Staaten auf ein Papier einigen, das den Kampf gegen die Erderwärmung aber nicht voranbringt. Es wurde Letzteres. So werden in der Abschlusserklärung alle 196 Staaten an ihre Zusage „erinnert“, im nächsten Jahr ihre Klimaschutzziele für 2030 „möglichst“ zu verschärfen. Der Geist von Paris ist verflogen. 2015, beim damaligen Weltklimagipfel in Frankreichs Hauptstadt, schien es so, als bräche eine neue Ära beim Klimaschutz an. Ein neues Miteinander. Nun ist die Welt da, wo sie schon einmal war. Der Unterschied ist: Sie hat nicht mehr so viel Zeit, um den Klimawandel noch einigermaßen abzuschwächen. Die knochenharten Verhandlungen in Madrid um die Ausgestaltung des Pariser Vertrags erklären sich nicht zuletzt durch die Erfahrungen mit dem ersten weltweiten Klimaschutzabkommen, dem Kyoto Protokoll. Mit dem 1997 in Japan beschlossenen Paragraphenwerk wurden erstmals verbindliche Zielwerte für den Ausstoß von Treibhausgasen in den Industrieländern festgelegt. Allerdings wurde der Kyoto-Vertrag, der am 1. Januar 2020 vom Pariser Vertrag abgelöst wird, über die Jahre zu Tode verhandelt. Er wurde von Gipfel zu Gipfel komplizierter. Weil versucht wurde, die Verpflichtungen aufzuweichen. Haupttreiber dabei waren die USA. Zunehmend sträubte sich Washington damals dagegen, von außen auferlegte Verpflichtungen zu akzeptieren. Das „America first!“-Motto von US-Präsident Donald Trump ist vorweggenommen worden von Präsident George W. Bush (ebenfalls Republikaner), als dieser sich kurz nach seinem Amtsantritt im Jahr 2001 aus dem Kyoto-Prozess verabschiedete. Seinem Beispiel folgten wichtige Länder wie Australien oder Kanada. Kyoto war am Ende. Die Webfehler des Kyoto-Protokolls wollte die Weltgemeinschaft nicht wiederholen. Schließlich gelang in Paris 2015 ein Neuanfang. Nun sind alle Staaten mit an Bord, nicht nur die Industrieländer. Doch wie es scheint, sind die alten destruktiven Kräfte wieder am Werk. Die Vorstöße aus den USA, Brasilien, Australien, Saudi-Arabien – mächtige Staaten also, die große Geschäfte machen mit ihren Öl, Gas- oder Kohlevorräten – haben die Konferenz in Madrid zum Scheitern gebracht. Denn verabschiedet werden muss das Beschlossene am Schluss einstimmig. Wie geht es nun weiter? Zumindest gelinde hoffnungsvoll stimmt, dass es nicht gelungen ist, das Vertragswerk von Paris wirklich zu durchlöchern. Die offizielle Klimadiplomatie legt sozusagen eine Pause ein (was schlimm genug ist). Doch man sollte sich auch erinnern: Auf Bush folgte US-Präsident Barack Obama, der das Pariser Abkommen maßgeblich mit vorantrieb. Und noch etwas hat sich in der Zwischenzeit verändert: Unterhalb der Ebene der staatlichen Klimaschutzdiplomatie ist vieles gewachsen. Auch und gerade in den USA. Bundesstaaten wie Kalifornien haben sich mit anderen Regionen auf der Welt vernetzt. Genauso gibt es breit angelegte Städtebündnisse über alle Erdteile hinweg. Allein der Erfahrungsaustausch über den Einsatz neuer Energieformen und Mobilitätskonzepte ist in seiner Wirkung aufs Klima nicht zu unterschätzen. Schließlich lebt heute bereits über die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten – Tendenz steigend. Viele Unternehmen und auch Finanzdienstleister geben sich nicht nur einen grünen Anstrich, sie handeln und investieren wirklich nachhaltiger als vor 20 Jahren. Was auch damit zusammenhängt, dass insbesondere jüngere Manager begriffen haben, dass sowohl sie selbst als auch ihre Kinder vom Klimawandel direkt betroffen sein werden. Stichwort Jugend: Wie werden junge Menschen darauf reagieren, dass ihre Interessen, ihre Zukunft in Madrid unterm Strich nicht wirklich ernst genommen wurden? Es muss ja nicht bei zivilisiert durchgeführten „Fridays for Future“-Märschen bleiben. In aller Welt sind junge Menschen schon aus geringeren Anlässen auf die Barrikaden gestiegen – interessierte Kreise könnten das zusätzlich ausnutzen bei ihrem „Kampf gegen das politische System“. Sind, in Deutschland, so gesehen die Proteste im Hambacher Forst gegen die Braunkohlebagger vielleicht erst der Anfang?

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