Politik
Kommentar: Die „kleinen Leute“ und ihre politischen Freunde
Nicht jeder Politiker, der regelmäßig das Volk als Zeuge seiner Kritik am Gegner bemüht, ist wirklich dessen Anwalt. Gerade in Zeiten großer Veränderungen wird aber gerne auf den „Mann auf der Straße“ verwiesen. Mit Hintergedanken.
Wenn es ernst wird in der politischen Arena, werden häufig „die kleinen Leute“ für die eigenen Zwecke in Beschlag genommen. Als beispielsweise darüber gestritten wurde, ob die Deutschen länger für die Rente arbeiten müssen, stand ganz konkret „der Dachdecker“ im Mittelpunkt der Talkrunden. Ging es um Lohnfragen, den Zusammenhang zwischen einer als gerecht empfundenen Bezahlung und überbordenden Mieten, tauchten „die Krankenschwester“ oder „der Paketbote“ auf.
Nun, da der Klimawandel und andere ungelöste Umweltprobleme nicht länger verdrängt werden können und Gegenmaßnahmen ergriffen werden müssen, führen Politiker noch häufiger die Interessen der „kleinen Leute“ an. Wahlweise geht es auch um den „Mann auf der Straße“, um „Geringverdiener“ oder, pauschaler, um „alle normalen Menschen“. Mit dem Aufstieg rechtspopulistischer Parteien wie der AfD ist zudem der Begriff „Volk“ wiederentdeckt worden.
Das Beispiel Donald Trump
Die „kleinen Leute & Co.“ dienen den Rednern als imaginäre Zeugen, um so die Politik und das Ansinnen der jeweiligen Gegenseite verdammen zu können. Unterm Strich sollen damit meistens bloß die eigenen Interessen durchgesetzt werden.
„Das Volk“ oder der „Mann auf der Straße“ werden zudem gerne in Stellung gebracht gegen eine angebliche Elite, die derzeit (noch) die Politik bestimme – die Interessen der „kleinen Leute“ aber längst nicht mehr repräsentiere. Der Meister dieses Fachs lebt in den USA; er heißt Donald Trump. Die Präsidentschaftswahl 2016 hat Trump auch deswegen gewonnen, weil er sich als Vertreter des „normalen, hart arbeitenden Amerikaners“ gerierte. Als Anwalt der von Arbeitslosigkeit bedrohten Kohlekumpel in Virginia etwa – die Trump rhetorisch als Gegenpol zu den „entrückten Eliten“ an der Ost- und Westküste, die sich mit Klimaschutz und ähnlich Unnützem beschäftigten, aufbaute.
Die Debatte um den Klimaschutz
Doch Vorsicht, der „kleine Mann“ kann leicht an die falschen Freunde geraten. Dies zeigt sich nicht nur am Beispiel USA, wo immer mehr Kohlekonzerne pleite gehen. Unter dem Eindruck der Klimakrise wird eben auch dort Strom zunehmend nicht mehr mittels Kohle produziert.
In Deutschland wiederum erschallt aus mancher Ecke die Botschaft, schärferer Klimaschutz oder Fahrverbote für ältere Diesel beeinträchtigten vor allem das Leben der „kleinen Leute“ oder zumindest deren Geldbeutel. Doch wer wohnt entlang der Ausfallstraßen, die besonders von hohen Feinstaubwerten betroffen sind? Wer leidet am meisten unter Hitzewellen, wenn die Luft in eng bebauten Vierteln selbst nachts nicht abkühlen will? In der Regel eben die weniger Privilegierten.
Auf der anderen Seite müssen Politiker gerade bei Klimaschutzmaßnahmen aufpassen, dass sie „Otto Normalbürger“ nicht von vorneherein benachteiligen. So kommen die Prämien für den Kauf eines E-Autos vor allem Bessergestellten zugute. Weniger Wohlhabende haben einfach nicht die 30.000 Euro, die ein neues E-Auto (bisher) kostet.
Wie sich schon am ersten, vor Kurzem beschlossenen Klimaschutzpaket zeigt, wird sich künftig vieles im Alltag verändern. Die politischen Auseinandersetzungen über den künftigen Kurs werden ebenfalls an Schärfe zunehmen – auch weil absehbar der Druck für Veränderungen steigt. Man sollte jedoch in diesem, für die Demokratie wichtigen Streit auf die Sprache der Politiker achten. Und bedenken: Nicht jeder, der im Namen der „kleinen Leute“ spricht, ist in Wirklichkeit deren Anwalt.