Politik Kissinger wird 95: Der James Bond der Weltpolitik

Plädoyer für den Erhalt der internationalen Weltordnung: Vor drei Jahren verfasste Kissinger so etwas wie sein politisches Vermä
Plädoyer für den Erhalt der internationalen Weltordnung: Vor drei Jahren verfasste Kissinger so etwas wie sein politisches Vermächtnis.

Zum 95. Geburtstag: Als amerikanischer Außenminister holte Henry Kissinger China aus der weltpolitischen Isolation. Er vereinbarte Rüstungskontrollen mit der Sowjetunion und verhandelte den Abzug der US-Soldaten aus Vietnam. Der gebürtige Deutsche ließ aber auch Kambodscha ins Chaos bomben. Diplomatie war bei Kissinger immer auch Drama.

Er war ein Denker, der die Macht liebte. Aus beidem zusammen sog er sein überbordendes Ego. Er interpretierte die Welt und erforschte, was sie im Innersten zusammenhält. Und wie Doktor Faustus erlag er dem Zauber der Macht. Es genügte ihm nicht, über Politik nur klug in den Hörsälen von Harvard zu reden. Er wollte gestalten. Richard Nixon, einer der umstrittensten Präsidenten der USA, gab ihm die Gelegenheit dazu. Henry Kissinger ergriff sie mit beiden Händen. Er verband strategische Kühnheit mit dem Management der Tagespolitik. Dass er Kompromisse schließen musste, machte ihm nichts aus. Seine Skrupel, sofern er welche hatte, ordnete er den Interessen der USA unter. Seine Kritiker nannten ihn deshalb einen Zyniker, dem die Moral in der Politik völlig schnuppe ist. Die italienische Journalistin Oriana Fallaci beschrieb die Aura, die Kissinger umgab: „Neben diesem absurden Hornbrillenträger wirkt James Bond wie eine fade Erfindung. Er schießt nicht, gebraucht seine Fäuste nicht und springt auch nicht von rasenden Automobilen ab wie James Bond, aber er dient als Berater in Sachen Krieg, beendet Konflikte, behauptet, unser Schicksal zu verändern, und verändert es auch.“ Diplomatie als Drama. Darunter tat es Kissinger nicht. Die Krise war sein Lebenselixier. Geboren wurde er als Heinz Alfred Kissinger am 27. Mai 1923 in der fränkischen Industriestadt Fürth. Es hätte eine unbeschwerte Kindheit und Jugend werden können, doch damit war es 1933 vorbei. Schikanen und Drangsalierungen waren Alltag für den jüdischen Jungen, der 1938 mit seiner Familie rechtzeitig nach New York emigrieren konnte – elf seiner Verwandten wurden im Holocaust ermordet. Aus Heinz wurde Henry, doch haben die Untaten der Nazis sein Deutschlandbild nicht verdunkelt. Einer seiner wenigen wirklichen Freunde fürs Leben wurde Helmut Schmidt, der deutsche Bundeskanzler, bei dessen Beerdigung im November 2015 der greise Kissinger eine bewegende Trauerrede hielt. Nicht die Nazi-Diktatur, der Kalte Krieg wurde zum bestimmenden Thema in Kissingers akademischer Karriere. Als junger Politikwissenschaftler an der Harvard Universität entwickelte er, ausgehend vom Studium der 19.-Jahrhundert-Staatsmänner Metternich und Bismarck, eine völlig neue Theorie amerikanischer Außenpolitik. Sie habe, so kritisierte er, beständig zwischen Einmischung und Isolation geschwankt. Kissinger suchte nach einem beständigeren Weg. Seine Erkenntnis: Nicht Moral bewahrt den Weltfrieden. Das schafft nur eine stabile Weltordnung, welche die Interessen der Staaten und Blöcke austariert. Dieses Gleichgewicht brauchte nicht gerecht zu sein. Es musste nur Krisen standhalten und Kriege verhindern. Ist das zynisch? Kein Zweifel gibt es daran, dass für Kissinger strategische Interessen stets wichtiger waren als Menschenrechte und Demokratie. Doch als wollte die Wirklichkeit selbst die Thesen des Professors auf den Prüfstand stellen, versank Amerika im Sumpf von Vietnam, und weder der Appell an Moral und guten Willen noch die geballte militärische Kraft der Supermacht konnten den Konflikt befrieden, geschweige denn lösen. Als Nixon Präsident wurde, ernannte er Kissinger zum Nationalen Sicherheitsberater. In jahrelangen Geheimverhandlungen in Paris mit seinem nordvietnamesischen Widerpart Le Duc Tho handelte er einen Frieden aus, der die Machtübernahme der Kommunisten nicht verhinderte, den USA aber ein Zeitfenster verschaffte, das den gesichtswahrenden Rückzug aus den Reisfeldern gestattete. Kissingers Realpolitik bewährte sich zwischen 1969 und 1976 auch auf anderen Feldern, und der kleine Mann mit den Eulenaugen änderte die Welt so rasch und gründlich, dass vielen schwindlig wurde. Er reiste nach China, das damals völlig isoliert vom Rest der Welt war, und bereitete den Ausgleich mit Maos Riesenreich vor – auch um sich eine zusätzliche Option in dem strategischen Ringen mit der Sowjetunion zu eröffnen. Mit Moskau schloss Kissinger die ersten Verträge, die die Rüstung beider Weltmächte wirksam kontrollierten und begrenzten. Und als im Nahen Osten 1973 ein neuer Waffengang zwischen Israelis und Arabern ausbrach, pendelte „Super-Henry“ so lange zwischen den Gegnern hin und her, bis er den Todfeinden ein Abkommen zur Truppenentflechtung abgerungen hatte – der Kern der späteren Friedensverträge von Camp David. Mit der Wahlniederlage von Präsident Gerald Ford endete Kissingers politische Karriere. Fortan hielt er für viel Geld Vorträge und schrieb kluge Bücher. Erst vor drei Jahren, da war er schon über 90, erschien sein vielleicht bedeutsamstes; es trägt den schlichten Titel „Weltordnung“ und ist so etwas wie sein Vermächtnis. Darin schreibt er: „Mit trügerischen Kalkülen angesichts wechselnder Machtkonstellationen stürzen sich Staaten ins Abenteuer. Andererseits führen moralische Imperative ohne das Streben nach Ausgewogenheit zu Kreuzzügen oder zu einer Politik der Ohnmacht, die skrupellose Handlungen von Widersachern produziert. Beide Extreme bergen das Risiko, den Erhalt der internationalen Ordnung zu gefährden.“ Kissinger mag ein James Bond gewesen sein, was Brillanz im Denken und Kühnheit im Handeln betrifft. Ein Draufgänger und Hasardeur war er gewiss nie.

Mit Moskau schloss Kissinger (hier 1974 mit Andrej Gromyko) die ersten Verträge, die die Rüstung beider Weltmächte wirksam begre
Mit Moskau schloss Kissinger (hier 1974 mit Andrej Gromyko) die ersten Verträge, die die Rüstung beider Weltmächte wirksam begrenzten.
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