Staatsbesuch RHEINPFALZ Plus Artikel Kanzler Scholz in Afrika: Die Gazelle soll noch länger springen

Zu Besuch bei der Mission „Gazelle“: Bundeskanzler Olaf Scholz schreitet am Bundeswehr-Stützpunkt in Tillia eine Ehrenformation
Zu Besuch bei der Mission »Gazelle«: Bundeskanzler Olaf Scholz schreitet am Bundeswehr-Stützpunkt in Tillia eine Ehrenformation der nigrischen Armee ab.

Bei seinem ersten Truppenbesuch im Ausland als Kanzler kündigt Olaf Scholz eine Verlängerung des Einsatzes im Niger an. In der Region gibt es sonst kaum noch Demokratien.

Der Kanzler bringt Regen. Statt der mörderischen Temperaturen von 45 Grad und mehr, vor denen die Reisegruppe von Olaf Scholz im Vorfeld gewarnt wurde, hängen an diesem Montag Regenwolken über dem ärmsten Land der Welt. Von Nigers Hauptstadt Niamey aus bringt ein schwer bewaffneter Bundeswehr-Transport-Airbus vom Typ A400M den Regierungschef zu seinem ersten Truppenbesuch im Ausland.

Das hat auch mit der Sicherheitslage zu tun, die sich in der Sahelzone in den vergangenen Jahren immer weiter verschlechtert hat. Schon auf dem Weg nach Niger musste die Kanzlermaschine einen Bogen um das Nachbarland Mali machen, weil dessen Putschistenregierung lieber mit Moskau als mit den bisherigen europäischen Militärpartnern kooperiert und mehrfach Überflugrechte verweigerte. Wegen dieser Lage hat der Bundestag zwar gerade das Mandat für die UN-Stabilisierungsmission Minusma verlängert, eine weitere Beteiligung an der Ausbildung malischer Soldaten aber beendet. Die Trainingsmission konzentriert sich nun auf Niger. „In Mali sind russische Söldner im Einsatz“, wird der Kanzler später sagen, „umso besser funktioniert die Zusammenarbeit hier.“

Niger schätzt deutsche Hilfe

Als Scholz bei „nur“ 35 Grad am Vormittag im roten Wüstenstaub landet, erwarten ihn am Stützpunkt Tillia 190 Bundeswehrsoldatinnen und -soldaten der Mission „Gazelle“. Nur knapp 80 Kilometer von der Grenze zu Mali entfernt, wo die Terrormilizen des „Islamischen Staats“ am aktivsten sind, bringen die Deutschen dem 41. Bataillon der nigrischen Armee alles bei, was es für den Anti-Terror-Kampf braucht. Aus 500 einfachen Soldaten sollen Spezialkräfte werden, allein seit Januar sind zudem 18 Armeeangehörige selbst zu Ausbildern geworden. „Das ist eine qualitativ sehr hochwertige Ausbildung, die unsere Streitkräfte sehr schätzen“, sagt Staatspräsident Mohamed Bazoum

Der Kanzler dankt den Bundeswehrkräften im Namen ihres Landes. Im Gespräch ohne ihre Vorgesetzten können sie Scholz erzählen, wo der Schuh drückt. Hier im Einsatz klappt bei der Truppe zwar vieles, was sonst im Argen liegt. So liegt etwa die Einsatzbereitschaft von Hubschraubern oder Fahrzeugen, mit denen die Operationen der nigrischen Kollegen beobachtet und ausgewertet werden, „bei fast 100 Prozent“, wie einer der Soldaten sagt. Und trotzdem bewegt sie der tägliche Mangel an Ausrüstung oder Munition, der nun mit einem höheren Verteidigungsetat, vor allem aber mit dem Sondervermögen für die Bundeswehr behoben werden soll. „Es muss nachhaltig besser werden“, sagt einer der in Tillia Stationierten: „Sonst können wir die 100 Milliarden Euro auch spenden.“

Hilfe zur Selbsthilfe

Ernst wird der Gast aus Berlin solche und andere Bemerkungen schon nehmen, denn die seit 2018 laufende Mission in Niger gilt als erfolgreiches Beispiel für die „Selbstbefähigung“ einer ausländischen Armee. Auch Scholz weiß, als er für die Arbeit fern der Heimat dankt, „dass das nicht überall gelungen ist“. Ein Soldat, der auch mehrfach in Afghanistan war, hält die nigrischen Kollegen für „viel lernwilliger“. Es werde auch viel für ihren eigenen Schutz und den ihres familiären Umfelds getan. Ein anderer Bundeswehrangehöriger berichtet von seinem Eindruck, „dass die nigrische Armee ihre Soldaten und deren Familien gut versorgt“. Anders als am Hindukusch sollen sie nicht von der Fahne gehen, wenn Islamisten sie bedrohen oder besser bezahlen.

In Tillia ist mit dem Bundeswehrstandort und den nigrischen Spezialkräften eine Sicherheitsblase in schwierigem Umfeld entstanden. „Mit denen will sich auch der IS nicht anlegen“, sagt ein Major. Aber die Gefahr ist ständig da, dass der Konflikt aus Mali herüberschwappt und eine der letzten Demokratien in der für Europa so wichtigen Sahelregion destabilisiert. Das Ziel ist eine Verteidigungslinie von mehreren Stützpunkten wie in Tillia entlang der Grenze zu Mali. „Noch sind es nicht so viele Garnisonen“, berichtet Sven Rump, der Bundeswehr-Kommandeur vor Ort.

Geld für Mädcheninternate

Aus diesem Grund kündigt Olaf Scholz in Tillia und später zusammen mit Präsident Bazoum an, dass Deutschland Niger langfristig militärisch unterstützen wolle: „Das sollte so beibehalten und ausgebaut werden.“ Die Gespräche dazu laufen bereits. Zudem bittet Nigers Präsident um mehr Hilfe beim Kampf gegen den Hunger und für bessere Bildung. Ob die Bundesrepublik nicht Mädcheninternate auf dem Lande finanzieren könne, fragt Bazoum: „Damit sie möglichst lang zur Schule gehen und nicht zu früh verheiratet werden!“

All das hat Scholz bei seiner Weiterreise nach Südafrika im Gepäck – und noch mehr. Vom Vertreter der Tuareg in Tillia hat der Kanzler ein kunterbuntes Bett als Gastgeschenk erhalten.

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