Fragen und Antworten
Kann die Ukraine die Krim zurückerobern?
Nur mit modernen westlichen Kampfpanzern könne man die Invasoren vertreiben. So warb die ukrainische Führung seit dem vergangenen Jahr um die Waffensysteme – die sie inzwischen auch hat. Nämlich britische Panzer vom Typ Challenger, vor allem aber Leopard-2-Panzer von verschiedenen europäischen Ländern. Wie viele bereits im Land sind, ist unklar, aber Deutschland hat nach Angaben der Bundesregierung 18 Leopard-Panzer geliefert. 110 Panzer vom älteren Typ Leopard 1 sollen folgen. Dazu kommen unter anderem 40 bereits gelieferte Marder-Schützenpanzer. Auch vom Westen bereitgestellte Artillerie und Marschflugkörper sind für die erwartete Offensive wichtig. Doch wie könnte die aussehen?
Was ist ausschlaggebend für den Ort der Gegenoffensive?
Kiew wird sicherlich versuchen, die russischen Invasoren zu überraschen. Doch das alleine ist kein ausreichendes Kriterium, schließlich soll der Vorstoß auch an einem Ort erfolgen, der strategische Vorteile verheißt. In der Ostukraine könnten die Ukrainer versuchen, Nachschublinien der Russen zu zerstören oder größere russische Verbände einzukesseln. Theoretisch könnten sie dann auch russisches Kernland bedrohen, doch das wollen ihre Unterstützer aus dem Westen nicht.
Anders sieht es mit der Krim aus, die 2014 von Moskau annektiert wurde. Völkerrechtlich gehört sie aber weiterhin zur Ukraine. Ein erfolgreicher Vorstoß zur Halbinsel wäre aus mehreren Gründen wertvoll. Damit könnte ein Keil zwischen Truppenteile der Russen im Osten und im Süden getrieben und letztere von der Versorgung abgeschnitten werden. In Melitopol im Süden befindet sich zudem ein für den Nachschub der Kremltruppen enorm wichtiger Eisenbahnknotenpunkt. Und letztlich würden Kiews Soldaten die Landverbindung der Russen zur Krim kappen. Das alles weiß aber natürlich auch Moskau, weswegen die Besatzer ihre Verteidigungsstellungen im Süden in den vergangenen Monaten stark ausgebaut haben. Dort warten mehrere Verteidigungslinien mit Betonhindernissen und Minenfeldern auf die Ukrainer. Ein Durchbruch ist dort also alles andere als einfach.
Kann die Ukraine die Krim zurückerobern?
Die Halbinsel im Schwarzen Meer wurde von den Russen in hohem Maße militarisiert, auch dort wurden zuletzt neue Verteidigungsstellungen errichtet. Ein Vordringen auf die Krim wäre für die Ukraine äußerst kompliziert und zumindest mit hohen Verlusten verbunden, im Süden der Halbinsel macht gebirgiges Terrain einen Angriff schwierig. Doch zunächst müsste überhaupt kein ukrainischer Soldat die Krim betreten. Es würde schon reichen, wenn Kiews Truppen bis zur Halbinsel durchstoßen. Denn dann wären die wichtigen russischen Militäreinrichtungen in der Reichweite ihrer Artillerie.
Der pensionierte US-General Ben Hodges, der einst von Wiesbaden aus die US-Armee in Europa kommandierte, erklärte dem Nachrichtenmagazin „Newsweek“: „Wenn sie Sewastopol treffen, muss die Schwarzmeerflotte abziehen, sie kann nicht dort sitzen bleiben, während Präzisionswaffen auf Schiffe, Hafenanlagen, Treibstoff, Munition usw. niedergehen. Dasselbe gilt für den Luftwaffenstützpunkt in Saky.“ Laut Hodges wäre die Halbinsel militärisch kaum zu halten.
Für die Versorgung der Krim wäre in einem solchen Szenario zudem die Brücke von Kertsch auf russisches Festland umso wichtiger, die ja schon bei einem Anschlag im Oktober 2022 beschädigt wurde – und von Neuem ins Visier ukrainischer Waffensysteme geraten würde. Hodges glaubt indes, dass Kiew die Brücke zunächst verschonen würde, um den Krim-Bewohnern die Flucht zu ermöglichen. Es sei denn, die Russen würden über die Verbindung viel Militärgerät an die Front bringen.
Auch Markus Keupp, Militärexperte von der ETH Zürich, sagte kürzlich im ZDF: „Wenn die Kertsch-Brücke angegriffen wird, dann wird das der Schlusspunkt der Gegenoffensive sein.“ Es sei nämlich sinnvoll, den Russen eine Möglichkeit offen zu lassen, wie sie ihre Truppen abziehen. Dadurch werde es „eine Entscheidung der Russen, ob sie ihre Reserven sinnlos opfern oder sich freiwillig zurückziehen“.
Was würde ein Rückzug von der Krim für die russische Führung bedeuten?
Er wäre ohne Frage eine Katastrophe für den Kreml. Denn damit würde Russland eine Region verlieren, die Moskau seit 2014 kontrolliert. Und diese Kontrolle ist erst seit dem Überfall auf das Nachbarland in Gefahr. Gegen ein solches Fiasko wird sich die russische Führung freilich stemmen, sicher auch erneut mit der Drohung, Nuklearwaffen einzusetzen.
Greift die Ukraine die Krim nicht jetzt schon an?
Ja, es gab zuletzt etwa Drohnenangriffe auf militärische Einrichtungen. Das sind mitunter schmerzhafte Nadelstiche, aber für die Russen noch kein allzu großes Problem. Auch die kürzlich von Großbritannien gelieferten sehr schlagkräftigen Marschflugkörper vom Typ „Storm Shadow“ können Ziele auf der Krim treffen. Aber: „Der Vorrat an Storm Shadow ist klein, und die Ukraine muss die Ziele, die getroffen werden sollen, mit großer Sorgfalt auswählen“, schreibt Jack Watling von der britischen Denkfabrik Rusi in einer Analyse. Sie dürften vor allem eingesetzt werden, um Versorgungs- und Kommandostrukturen auszuschalten.
Beeinträchtigt die komplette Einnahme Bachmuts durch die Russen die erwartete Gegenoffensive der Ukraine?
Zwar ist die Kontrolle über Bachmut nicht unwichtig, doch die militärische Bedeutung der Stadt wird deutlich überragt von der symbolischen. Schließlich tobte die Schlacht um die Stadt, die vor dem Krieg mehr als 70.000 Einwohner zählte, seit August. Es ist für die russischen Angreifer blamabel, dass sie sie erst jetzt einnehmen konnten. Das US-amerikanische Institut für Kriegsstudien (ISW) weist auch darauf hin, dass die Eroberung der Stadt in den russischen Staatsmedien zwar als „historisch“ gefeiert wird, russische Kriegsblogger jedoch deutlich nüchterner darauf hinweisen, dass dies nur einer von vielen notwendigen Schritten sei. Außerdem habe sich die Debatte in Russlands sozialen Medien schnell auf die hohen Verluste beim Kampf um die Stadt konzentriert.
Der Verlust Bachmuts hat laut ISW zudem keine Auswirkungen auf die ukrainischen Gegenangriffe nördlich und südlich der Stadt. Dass diese schon Teil der erwarteten Offensive sind, wird von Experten großteils verneint. Manche glauben, dort habe sich schlicht die Gelegenheit dafür ergeben. Andere sehen den Versuch, russische Truppen in Bachmut zu binden, um dann woanders den Durchbruch zu wagen.
Wird die erwartete ukrainische Offensive ein Erfolg?
Das ist schwer zu sagen. Kiew will zehntausende Soldaten in die Schlacht schicken, die frisch ausgebildet sind, zum Teil von westlichen Streitkräften. Bewähren müssen sie sich aber eben im Gefecht. Auffällig ist, dass die politische und militärische Führung der Ukraine die Erwartungen an die Offensive zuletzt zu dämpfen versuchte. Und Franz-Stefan Gady, Militärexperte vom Londoner Institute for International Strategic Studies, sagte dem „Spiegel“, er halte einen schnellen Großangriff für weniger wahrscheinlich als ein „langsameres, systematisches Vorgehen, dominiert vom Artilleriefeuer“.