Politik Kampfjets: Bei Fertigstellung veraltet?

Die F-35 sind die modernsten Flugzeuge der US-amerikanischen Luftwaffe. Anfangs hatten sie einen Stückpreis von 200 Millionen US
Die F-35 sind die modernsten Flugzeuge der US-amerikanischen Luftwaffe. Anfangs hatten sie einen Stückpreis von 200 Millionen US-Dollar (etwa 170 Millionen Euro). Bei Großbestellungen sollen sie mittlerweile etwas weniger als die Hälfte kosten.

Deutschland und Frankreich wollen bis 2040 ein neues Kampfflugzeug entwickeln. Kosten: 50 Milliarden Euro. Ob die Kriegsmaschine überhaupt gebraucht wird, ist unklar.

Die Schlacht versprach eine einseitige Angelegenheit zu werden. Am 26. August 1346 standen sich bei Crécy im Norden Frankreichs englische und französische Truppen gegenüber, es sollte das erste Gefecht des Hundertjährigen Krieges werden. Die Franzosen waren ihren Gegnern nicht nur zahlenmäßig deutlich überlegen, den Kern ihrer Armee bildeten zudem schwergepanzerte Ritter. Die Engländer hatten hingegen überwiegend leicht bewaffnete Fußsoldaten in ihren Reihen. Die Schlacht wurde zum Desaster – aber für Frankreich: Mehr als 1500 Ritter fielen ebenso wie Tausende namenlose Fußsoldaten. Auf englischer Seite hingegen starben nach Schätzungen nur wenige Hundert Mann. Was der französischen Armee zum Verhängnis wurde, waren die Tausenden englischen Langbogenschützen. Sie ermöglichten den Kampf aus der Distanz. Die französischen Ritter waren noch gar nicht an den Feind herangekommen, da prasselten jede Minute Zehntausende Pfeile auf sie herab. Die Schlacht von Crécy markiert den Anfang vom Ende des Rittertums. Und sie ist eine Mahnung für heutige Rüstungsplaner. Das findet zumindest Thomas Hammes, ein pensionierter Oberst der US-Streitkräfte. Hammes hat kürzlich in einem Beitrag für die Internetplattform „War on the Rocks“ davor gewarnt, zu sehr auf teure Kampfflugzeuge zu setzen, wie es die USA mit ihren Tarnkappenjets F-35 tun. Hammes fürchtet, diese könnten bald schon der Drohnentechnologie unterlegen sein. Der pensionierte Oberst sieht dabei Parallelen zum Schicksal der Ritter: Wie die Langbogen sind Drohnen eine verhältnismäßig günstige Waffe. Deshalb lassen sie sich auch in großer Anzahl herstellen, und das auch ziemlich rasch. Die Kampfjets hingegen mit ihrer hochmodernen Technologie sind außerordentlich teuer und haben lange Produktionszeiten. Außerdem gibt es schon viele Drohnenmodelle, die Kampfflugzeugen in der Reichweite überlegen sind. Hammes warnt vor einem Szenario, in dem der Feind mit schwer zu ortenden Drohnen die US-Kampfjets schon am Boden zerstört. Marcel Dickow, Rüstungsexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, sieht Indizien dafür, dass Hammes’ These zutrifft. Unausweichlich sei die Entwicklung aber nicht. So sei es beispielsweise möglich, dass wirksame Gegenstrategien entwickelt würden. Erst Anfang Juni hat die US-Marineinfanterie ein Waffensystem vorgestellt, das es erlauben soll, Drohnen zu entdecken und zu zerstören. Wie wirksam es ist, muss sich noch zeigen. Es soll nun im Einsatz getestet werden. Ein Trend spricht aber klar gegen Kampfflugzeuge: Sie werden immer komplexer und teurer, die Stückzahlen gehen zurück. „Das wird nicht beliebig so weitergehen können“, ist Dickow überzeugt. Er berichtet davon, dass bei Militärplanern gerade in den USA ein Umdenken einsetze. Es gebe Überlegungen, ob beispielsweise Drohnenschwärme militärisch wirksamer sind als komplexe Systeme wie Kampfflugzeuge. Deutschland und Frankreich hingegen haben erst Ende April vereinbart, gemeinsam ein Kampfflugzeug „der nächsten Generation“ zu entwickeln. Ein ambitioniertes Vorhaben, was sich auch daran zeigt, dass der neue Flieger frühestens 2040 in den Einsatz gehen wird. Doch werden dann Kampfjets überhaupt noch gebraucht? Natürlich gehen die deutschen und französischen Militärplaner nicht naiv an diese Frage heran. In der Branchensprache ist gar nicht von einem neuen Kampfflugzeug die Rede, sondern von einem Future Combat Air System (FCAS, übersetzt: zukünftiges Luftkampfsystem). Es ist als bemanntes oder unbemanntes System denkbar und soll auch Drohnenschwärme dirigieren können. Seitens des Bundesverteidigungsministeriums heißt es, das Fähigkeitsspektrum werde an den künftigen Erfordernissen ausgerichtet. Die Planer wollen also lange offen für künftige Notwendigkeiten sein. Doch dieser Kurs wird an Grenzen stoßen. Experte Dickow berichtet, dass es in der Projektsteuerung von Rüstungsvorhaben zwar immer wieder Versuche gebe, flexibel auf neue Anforderungen zu reagieren. „Richtig erfolgreich ist das aber nicht“, ergänzt er. Es sei auch nicht unbedingt sinnvoll. Abschreckendes Beispiel sei das Transportflugzeug A400M, das durch die vielen nachträglichen Wünsche nicht nur teurer geworden, sondern auch pannenanfälliger sei. Letztlich hätten alle größeren Rüstungsprojekte das Risiko, dass sie veraltet sind, wenn die Entwicklung abgeschlossen ist, sagt der Forscher. Im Falle des FCAS gibt es auch ein enormes finanzielles Risiko: Für Entwicklung und Beschaffung rechnet Dickow mit Gesamtkosten für alle Bestellländer in Höhe von mindestens 50 Milliarden Euro. Erschwerend kommt hinzu, dass es selten so schwer war, vorauszusehen, in welche Richtung sich die Kriegsführung entwickelt. „Wir stehen an der Schwelle einer Revolution“, sagt Dickow. Er verweist darauf, dass automatisierte und autonome Waffensysteme entwickelt würden, bei denen Menschen nur noch wenig oder gar nicht mehr eingreifen, wenn sie einmal gestartet werden. Zudem gebe es einen Trend zur Miniaturisierung. Er spielt auf Drohnen an, die nur die Größe eines Insekts haben und es ermöglichen, gezielt militärisches Führungspersonal auszuschalten. Beunruhigend ist, dass Drohnen einen bewaffneten Konflikt wahrscheinlicher machen könnten. Denn sie sind besonders bei einem Erstschlag wertvoll, wenn es nämlich beispielsweise gelingt, die Luftwaffe des Gegners am Boden zu zerstören. Dickow formuliert es so: „Die Idee eines Enthauptungsschlages steht im Raum und lässt sich mit solch einer Technologie leichter umsetzen.“ Drohnen werden zwar auch als unehrenhafte Waffe geschmäht, weil sie den Kampf ermöglichen, ohne dass sich der Angreifer selbst einem Risiko aussetzt. Doch dieses moralische Argument dürfte kaum verfangen. Das hat schon vor über 600 Jahren nicht funktioniert. Wie Dickow erzählt, gab es auch vergebliche Versuche, die Langbogen zu verbieten: „Sie galten als unritterlich und unehrenhaft, weil der Kampf damit nicht mehr Mann gegen Mann geführt wurde.“

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