Politik
Jemen: UN verlieren Wettlauf gegen die Zeit
Bei einer Geberkonferenz per Internet, die von Saudi-Arabien und den Vereinten Nationen ausgerichtet wurde, sagten rund 30 Länder am Dienstag zwar 1,35 Milliarden Dollar für den Jemen zu. Doch das ist nur etwas mehr als die Hälfte der Summe, die in der zweiten Jahreshälfte gebraucht wird. UN-Generalsekretär Antonio Guterres nannte die Hilfe für die notleidenden Menschen im Jemen einen „Wettlauf gegen die Zeit“. Diesen Wettlauf könnten die UN nun verlieren.
Saudi-Arabien sagte bei dem virtuellen Treffen 525 Millionen Dollar zu, die USA wollen 225 Millionen zahlen, und Großbritannien stellte 200 Millionen in Aussicht. Deutschland versprach 125 Millionen Euro. Doch einige reiche Länder der Region, wie etwa die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), gaben keine Hilfszusagen. Dabei werden allein 180 Millionen Dollar für den Kampf gegen die Corona-Pandemie im Jemen gebraucht.
UN-Nothilfekoordinator: Es geht um Leben und Tod
UN-Nothilfekoordinator Mark Lowcock appellierte an die Geldgeber, das zugesagte Geld schnell zur Verfügung zu stellen; in der Vergangenheit hatten viele Länder zwar Geld angekündigt, am Ende aber nicht bezahlt. Lowcock schätzt, dass die derzeit verfügbaren Geldmittel nur noch ein paar Wochen reichen. Es gehe um Leben und Tod, schrieb Lowcock auf Twitter.
Der Albtraum der rund 28 Millionen Einwohner Jemens dauert nun schon fünf Jahre. Damals griff eine internationale Koalition unter der Führung von Saudi-Arabien in den Konflikt zwischen den iranisch unterstützten Huthi-Rebellen und der jemenitischen Regierung ein. Der damalige saudische Verteidigungsminister und heutige Kronprinz Mohammed bin Salman hoffte auf einen raschen Sieg über die schiitischen Rebellen.
Journalist ermordet
Doch die Huthis erwiesen sich stärker als erwartet und eroberten nicht nur weite Teile des Landes, sondern griffen sogar saudische Städte mit Raketen an. Die saudischen Militärs antworteten mit vernichtenden Luftangriffen, bei denen sie vom Westen mit Waffen und logistischer Hilfe unterstützt wurden. Der Iran lieferte unterdessen weiter Rüstungsgüter an die Huthis.
Risse in der saudischen Koalition wegen des Ausstiegs der VAE aus dem Krieg und ihrer Unterstützung für jemenitische Separatisten machen die Lage noch instabiler. Am Tag der Geberkonferenz wurde im Jemen ein Journalist ermordet, der für die Nachrichtenagentur AFP arbeitete.
Gesundheitssystem völlig zerrüttet
Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nimmt keine Seite. Rund 100.000 Menschen sind bisher ums Leben gekommen. Etwa 24 Millionen Jemeniten sind auf Hilfslieferungen angewiesen, zwei Millionen Kinder sind stark unterernährt. Die Zerstörung der Infrastruktur begünstigt die Ausbreitung von Krankheiten. So wütete im Jemen in den vergangenen Jahren die schlimmste Cholera-Epidemie der Welt: Seit 2016 haben die UN rund 2,3 Millionen Ansteckungen und fast 4000 Tote gezählt.
Das von Krieg und Cholera zerrüttete Gesundheitssystem des Landes ist nun auch noch mit der Corona-Pandemie konfrontiert. Offiziell gibt es bisher zwar nur rund 400 Corona-Fälle und 87 Todesopfer im Jemen. Doch beide Seiten im Krieg müssen sich vorwerfen lassen, das tatsächliche Ausmaß der Ausbreitung von Covid-19 zu verschleiern.
Kriegsparteien als Geldgeber
Ausgerechnet jetzt geht 31 von 41 UN-Hilfsprogrammen das Geld aus. Mindestens 1,6 Milliarden Dollar seien nötig, um „katastrophale Einschnitte“ bei der Hilfe zu verhindern und Millionen von Menschen vor dem Hungertod zu bewahren, hatte Lise Grande, die Koordinatorin der UN-Hilfe für den Jemen, vor der Konferenz gesagt. Nachdem diese Mindestsumme nicht erreicht wurde, steckt die Nothilfe für den Jemen in der Krise.
Kritiker werten die Geberkonferenz zudem als Schauveranstaltung Saudi-Arabiens, das als Wohltäter auftreten wolle, obwohl es eine Hauptrolle in dem Krieg spiele. Saudi-Arabien wolle sich selbst einen Persilschein ausstellen, kommentierte die Jemen-Expertin Afrah Nasser von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Jon Cunliffe von der US-Hilfsorganisation Action Against Hunger sagte der britischen Zeitung „Guardian“, es sei eine „bittere Ironie“, dass einige der größten Geldgeber gleichzeitig als Kriegsparteien oder als Unterstützer an dem Konflikt beteiligt seien.