Russland
Ist Putins Wirtschaftsboom nur eine Propagandalüge?
Man produziere seit Jahresbeginn dreimal mehr Panzerwaffen. Die Herstellung der Flugzeuge und Drohnen habe sich verdoppelt, die der elektronischen Kampf- und Aufklärungstechnik verfünffacht: Michail Mischustin gilt als eher stiller Premierminister, aber am Dienstag trumpfte Russlands zweiter Mann bei einer Sitzung des Koordinationsrates zur Versorgung der Streitkräfte groß auf. Selbst die Produktion spezieller Verbandstoffe für die Verwundeten habe sich vervielfacht, freute er sich.
Russland feiert ein militärisches Wirtschaftswunder; der Westen reibt sich ungläubig die Augen. Moskaus Staatsmedien zitieren triumphierend die bange Frage der Bild-Zeitung: „Unterschätzen wir die Russen?“ Der Internationale Währungsfonds erwartet 2023 für Russland ein Wirtschaftswachstum von 2,2 Prozent, Präsident Wladimir Putin verkündet sogar 3,5 Prozent. „Kriegsprozente“ nennt dies das Wirtschaftsportal The Bell. In diesem Jahr steckte Russland offiziell umgerechnet 64 Milliarden Euro in Rüstung und Armee, fast doppelt so viel wie im Vorkriegsjahr 2021.
Dank der neuen Gelder konnten Premier Mischustin zufolge über 360 Unternehmen in die Kriegsproduktion eingegliedert werden, etwa 37.000 Fabrikgeräte in Betrieb nehmen und rund 520.000 Mitarbeiter einstellen. Aber wie viele Rüstungsangestellte wirklich welche Waffensysteme und Geschosse in welchen Stückzahlen und welcher Qualität herstellen, ist geheim. Nach offiziellen Angaben der russischen Zentralbank stieg die Auslastung aller russischen Produktionskapazitäten von 79 Prozent im ersten Quartal 2022 allerdings nur auf 80,7 Prozent im dritten Quartal 2023. Das lässt an einer Vervielfachung der Waffenherstellung zweifeln.
Es fehlen die Arbeiter
Inzwischen sind in Russland Arbeiter Mangelware, laut Industrieministerium fehlen der weiterverarbeitenden Branche 870.000 Fachkräfte. Der militärisch-industrielle Komplex könne auch deshalb nicht mehr wachsen, weil er komplett ausgelastet sei, schreibt der frühere russische Wirtschaftsexperte Alfred Koch, der jetzt im Ausland lebt. Neue Produktionskapazitäten müssten erst geschaffen werden, und das benötige Zeit.
Der Kiewer Militärexperte Oleksij Melnyk sieht vor allem Probleme bei der Panzerproduktion. Von den etwa 110 russischen Panzer, die monatlich an die Front kämen, seien auch viele alte. Der als Wunderwaffe gefeierte Armata-Panzer werde dagegen noch immer nicht in Serie gebaut. Auch Melnyk schätzt, die Russen hätten ihre Rüstungsproduktion um etwa zehn Prozent gesteigert. Also kein Indiz für Produktionsrekorde.
2024 soll der russische Militärhaushalt um fast 70 Prozent auf 108 Milliarden Euro wachsen, das sind 29 Prozent der Gesamtausgaben. Die UdSSR begnügte sich in den Jahren vor ihrem Kollaps mit 16 Prozent. Am Ende hatte sie sich zu Tode gerüstet.