Interview RHEINPFALZ Plus Artikel „Inzwischen werden in allen Branchen Arbeitskräfte gesucht“

In der Pflege werden Arbeits- und Fachkräfte schon seit längerem dringend gesucht.
In der Pflege werden Arbeits- und Fachkräfte schon seit längerem dringend gesucht.

Können Flüchtlinge die größer werdende Arbeitskräftelücke schließen? Darüber sprach Ralf Joas mit Heidrun Schulz, der Chefin der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit.

Frau Schulz, finden Sie noch genügend Nachwuchs, um die Stellen in den Arbeitsagenturen zu besetzen?
Das ist regional unterschiedlich. Generell finden wir aber noch auf allen Ebenen genügend Nachwuchskräfte. Es wird aber auch für uns zunehmend schwieriger.

Wie viele Stellen können in Rheinland-Pfalz derzeit nicht besetzt werden?
Die bei uns gemeldeten freien Stellen machen etwa die Hälfte der tatsächlich offenen Stellen aus. In Rheinland-Pfalz haben wir im Moment 110.600 Arbeitslose und 43.700 als offen gemeldete Stellen. Unter den gemeldeten Arbeitslosen verfügt die Mehrzahl allerdings nicht über eine berufliche Qualifizierung; für rund 80 Prozent der gemeldeten Stellen werden aber solche Fachkräfte gesucht.

In welchen Bereichen tun sich die größten Lücken auf?
Inzwischen werden in allen Wirtschaftsbranchen Arbeitskräfte gesucht. Wir haben die größten Lücken seit Längerem in der Pflege, im Hotel- und Gaststättengewerbe, im Handwerk und im IT-Bereich. Auch in Erziehungsberufen gibt es Engpässe. In Branchen wie etwa der Logistik werden wir zudem in naher Zukunft sehr viele altersbedingte Abgänge haben. Das verschärft den Personalbedarf.

Wo sind die Arbeitskräfte geblieben, etwa im Gastgewerbe?
Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in Rheinland-Pfalz steigt und steigt und steigt. Das heißt, die Nachfrage nach Arbeitskräften wächst. Hinzu kommen deutliche demografische Effekte. Die Beschäftigungsquote bei Älteren und bei Frauen ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Allerdings rücken nicht genügend junge Menschen nach, um die Abgänge auszugleichen.

Und dann haben wir Bereiche wie Hotels und Gaststätten, in denen es atypische Beschäftigungen gibt, etwa in Form von Minijobs. Hinzu kommen die Arbeitszeiten, die für einige Beschäftigte nicht erstrebenswert sind. Durch die Corona-Pandemie konnte in dieser Branche zeitweise niemand beschäftigt werden. Folglich sind die Menschen woanders hingegangen, haben andere Erfahrungen gemacht mit Blick auf Arbeitszeiten und Beschäftigung jenseits von Minijobs. Diese Menschen wieder für die Branche zurückzugewinnen, ist schwierig.

Seit Beginn des Ukraine-Krieges kommen viele Flüchtlinge nach Deutschland. Gibt es da ein nennenswertes Potenzial, um die Lücke bei den Beschäftigten zumindest teilweise zu schließen?
Diese Menschen sind nicht in erster Linie gekommen, um hier zu arbeiten. Manche von ihnen wollen hierbleiben, andere sind noch unschlüssig, und eine dritte Gruppe plant, auf jeden Fall zurückzugehen. Vor allem die, die dableiben wollen, wollen ihre Sprachkenntnisse verbessern und schauen, wie sie ihre zumeist gute bis sehr gute Ausbildung anerkannt bekommen, um dann auf einem hohen beruflichen Level einsteigen zu können.

Wir stellen fest, dass einige geflüchtete Menschen aus der Ukraine sehr schnell eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung oder einen Minijob aufgenommen haben. Sehr viele sind auch in Sprach- und Integrationskurse gegangen.

Wie viele Ukrainerinnen und Ukrainer sind im Land beschäftigt?
Im vergangenen Dezember, das sind die neuesten Zahlen, hatten wir bei dieser Gruppe 5100 sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse. Das sind 3200 mehr als im Februar. Hinzu kommen 1500 Menschen, die in Minijobs arbeiten, das sind 1200 mehr als im Februar.

Zur Einordnung: 2015/16 kamen sehr viele Menschen aus Syrien, vor allem junge Männer, nach Deutschland. Wie viele von denen haben eine Beschäftigung gefunden?
In Rheinland-Pfalz sind inzwischen mehr als 10.000 Syrerinnen und Syrer sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Das sind rund zehn Prozent mehr als noch im Vorjahr.

Wie hoch ist der Anteil ausländischer Beschäftigter insgesamt?
Mitte vergangenen Jahres hatten unter den knapp 1,49 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Land 14,1 Prozent einen ausländischen Pass.

Die Bundesregierung will die Voraussetzungen, unter denen Menschen in Deutschland arbeiten dürfen, lockern. Wie bewerten Sie diese Pläne?
Schon heute tragen Ausländerinnen und Ausländer deutlich stärker zur steigenden Beschäftigung in Rheinland-Pfalz bei als Inländer. Im Vergleich zum letzten Jahr ist die Beschäftigung der Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit um 0,1 Prozent gestiegen; die der Frauen und Männer mit ausländischem Pass um 9,7 Prozent. Das wird auch so bleiben. Wenn das so ist und wenn wir wollen, dass Menschen zu uns kommen, um hier zu arbeiten, dann ist es sehr gut, dies so weit wie möglich zu erleichtern.

Unter anderem sollen Abschlüsse leichter anerkannt werden. Das klingt plausibel. Auf der anderen Seite gibt es gute Gründe, weshalb hierzulande bestimmte Qualifikationen nachgewiesen werden müssen. Wie lässt sich dieses Problem lösen?
Wir können zwischen reglementierten und nicht reglementierten Berufen unterscheiden. Es gibt gute Gründe dafür, etwa im medizinischen und pflegerischen Bereich oder bei sicherheitsrelevanten Tätigkeiten Qualifikationen, die unserem Standard entsprechen, vorauszusetzen. Zugleich ist auch vorstellbar, dass wir Menschen, die in einem bestimmten Beruf bereits gearbeitet haben, die Chance eröffnen, bei uns in diesem Beruf weiterzuarbeiten. Dabei ließe sich eine zeitliche Phase einbauen, die es braucht, um die notwendige Anerkennung zu erwerben. Im Moment können diese Menschen bei uns erst als Fachkraft arbeiten, wenn ihre ausländische Berufsqualifikation in Deutschland anerkannt wurde.

Mit Blick auf potenzielle Arbeitskräfte aus dem Inland spielen Frauen eine große Rolle. Was deren Beschäftigungsquote betrifft, sieht es im internationalen Vergleich doch gar nicht so schlecht aus.
Das stimmt, wenn Sie die Erwerbstätigkeit als solche betrachten. Es stimmt nicht mit Blick auf die Art der Erwerbstätigkeit. Wenn 50 Prozent der berufstätigen Frauen Teilzeit arbeiten, ist das kein guter Wert. In Rheinland-Pfalz arbeiten fast 500.000 Frauen in Teilzeit oder in Minijobs. Mit beidem können diese Frauen ihre Altersversorgung nicht sicherstellen.

Auch Ältere sollen dazu beitragen, die Arbeitskräftelücke zu verkleinern. Sie sollen länger im Beruf bleiben. Welcher Trend ist da zu erkennen?
Wir hatten 2011 in Rheinland-Pfalz bei den über 55- bis 60-Jährigen eine Beschäftigungsquote von 51 Prozent. Inzwischen liegt diese Quote bei 63 Prozent. Bei den über 60-Jährigen waren es vor zehn Jahren noch 27 Prozent, heute sind es 46 Prozent. Das ist ein deutlicher Anstieg. Das liegt zum einen daran, dass die Möglichkeiten zur Frühverrentung eingeschränkt wurden. Ein wichtiger Grund ist aber auch, dass deutlich mehr ältere Frauen noch erwerbstätig sind.

Zur Person

Heidrun Schulz ist seit 2010 Vorsitzende der Geschäftsführung der Regionaldirektion Rheinland-Pfalz-Saarland der Bundesagentur für Arbeit. Die gebürtige Baden-Württembergerin hat Romanistik und Betriebswirtschaft studiert.

Heidrun Schulz
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