Politik
Interview mit Grünen-Politikerin Jutta Paulus zur Homöopathie: „Ich warne davor, den Placeboeffekt zu unterschätzen“
Auf ihrem Bundesparteitag in Bielefeld haben die Grünen vereinbart, dass das strittige Thema Homöopathie erst auf dem nächsten Treffen diskutiert wird. Antragsteller hatten unter anderem gefordert, homöopathische Arzneimittel wegen „erwiesener Unwirksamkeit“ aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen zu streichen. Über diesen überraschenden Vorstoß sprach Wolfgang Blatz mit der Europaabgeordneten und Grünen-Landesvorsitzenden von Rheinland-Pfalz, Jutta Paulus, die als Apothekerin, in der Umweltanalytik sowie im Qualitätsmanagement im Krankenhaus gearbeitet hat.
Innerhalb der Fachgremien bei den Grünen läuft schon länger eine Debatte. Es gibt sehr unterschiedliche Haltungen in der Partei.
Ein Antrag sprach sich jetzt dafür aus, Homöopathie als Leistung der gesetzlichen Krankenkassen auszuschließen.
Diese Kassenleistungsdebatte finde ich albern. Wir sprechen über 20 Millionen Euro. Das sind 0,5 Promille des Arzneimitteletats. Aus meiner Berufserfahrung als Apothekerin und später im Krankenhaus weiß ich, dass auch schulmedizinische Therapien mit fragwürdigen Wirkungen üblich sind – die erheblich mehr Kosten verursachen.
Aber viele Wissenschaftler sind sich doch einig: Homöopathische Mittel haben – aufgrund der starken Verdünnung – keinerlei Wirkstoffe mehr.
Ich warne davor, den Placeboeffekt zu unterschätzen. Es gibt ja auch Placebo-Operationen, also vorgetäuschte OPs, bei denen den Patienten das Knie anschließend weniger oder gar nicht mehr schmerzt. Das Ganze ist sehr komplex – und faszinierend. Auch sind die Menschen, die Homöopathie betreiben, in der Mehrzahl sehr engagiert. Sie hören den Patienten zu. Sie kümmern sich. Einfach gesagt: Je mehr der Therapeut von der Wirksamkeit seines Vorgehens überzeugt ist, desto mehr wirkt es beim Patienten. Warum sollten wir uns das nicht zunutze machen?
Die Frage bleibt aber: Kann ein Grüner, der sich gegenüber Klimawandelleugnern auf die Erkenntnisse der Naturwissenschaft beruft, gleichzeitig Anhänger einer Medizinform sein, der Naturwissenschaftler Folgenlosigkeit bescheinigen?
Ich will ihnen mal ein anderes Beispiel geben. Ich habe in meinem Studium noch gelernt, Akupunktur sei Humbug. Heute setzen entsprechend geschulte Anästhesisten Akupunktur ein, weil sie dann den Einsatz von Narkosemitteln erheblich reduzieren können. Früher hat sich die Schulmedizin wie in einer Art Wagenburg verbarrikadiert und andere Methoden nicht zugelassen. Heute ist man da weiter – und offener. Weil Medizin eben keine strenge Naturwissenschaft ist: Körper und Geist sind verbunden. Menschen sind keine Maschinen. Es ist wissenschaftlich klar, dass Homöopathie keine stoffliche Wirkung hat. Trotzdem zeitigt sie in bestimmten Bereichen Erfolge.
Beobachten wir bei dieser Auseinandersetzung einen Generationenkonflikt bei den Grünen? Bei deren Gründung vor 40 Jahren begriffen sich die Mitglieder in vielerlei Hinsicht als Alternative; außerdem mischten – insbesondere in Baden-Württemberg – viele Anthroposophen (Stichwort Waldorfschulen) mit, die ja ein besonderes Verhältnis zur Homöopathie haben.
Es stellt sich nach außen hin wohl so dar, weil die Grüne Jugend die Speerspitze der Kritiker bildet. Aber die Einstellungen sind auch regional sehr unterschiedlich verteilt. Doch es stimmt schon: Damals, in der Anfangszeit, gab es – auch in anderen Bereichen – bei den Grünen Einstellungen, die heute innerhalb der Partei nicht mehr Mainstream sind, teilweise auch nicht mehr akzeptiert würden.
Inzwischen gibt es auch Widerstand in den Reihen der Grünen gegen eine pauschale Ablehnung der Gentechnik. Der Grünen-Ko-Vorsitzende Habeck äußerte sich schon vor längerer Zeit mit Blick auf das neu zu erarbeitende Grundsatzprogramm in diese Richtung. Werden hier ältere Positionen geräumt?
Die Debatte hierüber läuft mit Sicherheit auf Fachebene. Bereits im Wahlprogramm für die Europawahl 2019 haben wir meiner Meinung nach eine gute Formulierung gefunden. Da steht – verkürzt ausgedrückt: Wir können nicht für alle Zeiten und alle Anwendungen behaupten, dass das alles Mist ist; wir bestehen aber auf dem Vorsorgeprinzip. Wir sehen, dass bisher das Versprochene nicht mit dem übereinstimmt, was mit Hilfe der Gentechnik erreicht werden sollte. Bei der grünen Gentechnik beispielsweise geht es bei der überwältigenden Mehrheit der Anwendungen um Nutzpflanzen, die resistent gegen bestimmte Pflanzenschutzmittel sind – die dann in großem Stil eingesetzt werden. Versprochen wurden bei der Einführung in den 80ern Pflanzen, die auf versalzenen Böden angebaut werden können oder weniger Wasser benötigen. Es gibt aber neue Entwicklungen, etwa die „Gen-Schere“: Pflanzensorten, die damit hergestellt werden, sind unter Umständen nicht von „normal gezüchteten“ unterscheidbar. Dafür müssen wir Antworten finden.
Einen Kommentar zum Grünen-Parteitag lesen Sie hier