Meinung
Im Trump-Universum
Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, die Republikaner hätten ihren Nominierungsparteitag 2020 in einem Raumschiff veranstaltet. Irgendwo im All, wo sich die erschütternde Wirklichkeit der pandemiegeplagten Vereinigten Staaten erfolgreich ausblenden lässt. Donald Trumps Parteitag, er fand in einem Paralleluniversum statt.
Jetzt geht es steil aufwärts, vorausgesetzt, die Wähler begehen nicht den Fehler, diesem Joe Biden das Staatsruder anzuvertrauen: So klang es an den vier Abenden, an denen der Präsident eine mal glitzernde, mal bizarre Show über die Bühne gehen ließ. Am schrillsten am letzten, an dem er selbst redete und den Teufel namens Biden an die Wand malte: Amerika unter dem Ex-Vizepräsidenten wäre nicht wiederzuerkennen, seine Städte würden dem Chaos preisgegeben. Kurzum, mit dieser Wahl entscheide sich, ob man den „American Way of Life“ verteidigen könne. In Trumps Karikatur ist Biden lediglich Fassade, während dahinter die „radikale Linke“ die Agenda bestimme.
Polarisieren gehört zum Handwerk
Das ist einigermaßen grotesk, wenn man bedenkt, dass Biden in den 47 Jahren seiner Politikerkarriere stets die politische Mitte vertrat. Relativierend muss man hinzufügen, dass Überzeichnungen im US-Wahlkampf schon immer eher die Regel als die Ausnahme waren. Auch Biden klang nicht eben sachlich, als er sich beim eigenen Parteitag vor Wochenfrist selbst zur Symbolfigur des Lichts erklärte, während Trump für die Finsternis stehe. Nur hat es Trump mit seiner Weltuntergangsrhetorik wahrlich auf die Spitze getrieben.
Der polternde Präsident, der sich zum Retter des Abendlands stilisiert – das war der eine Teil dieses Parteikongresses. Der andere machte deutlich, dass man Trump, einen durchaus nüchtern kalkulierenden Wahlkämpfer, nicht unterschätzen sollte. Er scheint begriffen zu haben, dass es nicht reicht, nur den harten Kern seiner Anhänger zu mobilisieren, um zu gewinnen.
Den Frauen gefallen
Dieser Erkenntnis geschuldet, wurde das Parteitagsprogramm über weite Strecken auf Gruppen abgestellt, die Trump auch noch benötigt. Der Präsident weiß (oder seine Wahlkampfmanager wissen), er braucht mehr als die Stimmen der Evangelikalen, mehr als die Stimmen der verunsicherten Arbeiterschaft, will er Biden am 3. November schlagen. In den Vorstädten, deren Wähler ihm einst zum Sieg über Hillary Clinton verhalfen, darf er nicht untergehen, sonst ist seine Niederlage programmiert.
Gerade dort, in den gepflegten Siedlungen der Mittelschicht, wechselten Frauen, die seine Twitter-Tiraden nicht mehr ertragen konnten, bei den Kongresswahlen 2018 in Scharen ins Lager der Demokraten. Zieht Trump nicht zumindest einen Teil von ihnen zurück auf seine Seite, zieht er im Ringen mit Biden wohl den Kürzeren.
Deshalb, um sein Image zu glätten, ließ sich ein Präsident, in dessen Kabinett fast nur Männer sitzen, auf einmal als großer Frauenförderer feiern. Deswegen konnte ein Präsident, der nicht selten mit rassistischen Ressentiments spielt, gar nicht oft genug betonen, was gerade schwarze Amerikaner ihm zu verdanken hätten. Über den Zustand des Landes sagen die vier Tage im Paralleluniversum nichts. Dafür umso mehr über einen Mann, der keinerlei Skrupel hat, die Realität zu verbiegen, wenn er nur glaubt, dass es ihm nützt.