Schnelle Eingreiftruppe
Idar-Oberstein: Artilleristen trainieren für den Ernstfall
Laute Schläge donnern durch die Hügellandschaft zwischen Nordpfälzer Bergland und Hunsrück. Den Lärm bei Baumholder macht eine Waffe, die durch den Ukraine-Krieg eine gewisse Berühmtheit erlangt hat: die Panzerhaubitze 2000. Deutschland und die Niederlande haben das Artilleriegeschütz der Ukraine geliefert, insgesamt 22 Exemplare sind bisher zugesagt, 14 davon aus Deutschland. In der Ukraine leistet das Geschütz, das von den deutschen Rüstungsunternehmen Krauss-Maffei Wegmann und Rheinmetall produziert wird, gute Dienste gegen die russischen Invasoren. Das jedenfalls hieß es mehrfach aus Kiew.
Bei Baumholder freilich werden nur fiktive Feinde bekämpft. Auf dem dortigen Truppenübungsplatz trainieren etwa 500 deutsche Soldaten zusammen mit rund 200 niederländischen und belgischen Militärangehörigen ihre Fertigkeiten. Im Kern ist es das Artillerielehrbataillon 345 aus Idar-Oberstein, das bis Ende 2014 in Kusel stationiert war.
Innerhalb von zwei bis fünf Tagen einsatzfähig
An der Artillerieschule in Idar-Oberstein wurden im Mai die ukrainischen Soldaten im Umgang mit der Panzerhaubitze 2000 geschult. Doch gleich zu Beginn eines Pressetages am Donnerstag, bei der die Kampfkraft demonstriert werden sollte, heißt es, es würden keine Fragen zur Ukraine beantwortet. Es solle nur um die Übung mit dem Namen „Celtic Thunder“ gehen, die nichts mit dem Krieg im Südosten zu tun habe. Was im Prinzip auch stimmt. Geplant war sie schon, bevor Russlands Präsident Wladimir Putin die Ukraine am 24. Februar überfallen ließ. Und beschäftigt das Geschehen im Südosten Europas die Soldatinnen und Soldaten. Denn die Artilleristen aus Rheinland-Pfalz bereiten sich schon seit einer Weile darauf vor, im kommenden Jahr Teil der schnellen Eingreiftruppe der Nato zu sein. Diese Very High Readiness Joint Task Force (VJTF) soll im Notfall innerhalb von zwei bis fünf Tagen einsatzfähig sein. Die Truppen dafür rotieren jährlich. Die Aufstellung der VJTF wurde übrigens beim Nato-Gipfel im September 2014 beschlossen, als Reaktion auf Russlands Annexion der Krim.
Erhöht der neuerliche russische Überfall die Wahrscheinlichkeit für eine Alarmierung der VJTF? Diese Frage beschäftigt auch die Soldatinnen und Soldaten in Idar-Oberstein, wie Bataillonskommandeur Oberstleutnant Timo Kaufmann berichtet. Natürlich hätten sie schon vorher ihren Job professionell gemacht, aber nun gebe es dabei eine besondere Ernsthaftigkeit. Im Sinne der Konzentration der Bundeswehr auf die Bündnis- und Landesverteidigung trainiere man an der Panzerhaubitze nun den Kampf gegen einen „gleichwertigen Gegner“, sagt der Kommandeur.
Drohne kann nicht starten
Konkret verfolgen die Artilleristen ein „dynamisches Feuerkonzept“, das sich auf die Stärken der motorisierten Panzerhaubitze stützt. So fahren vier Besatzungsmitglieder, die während der mehrtägigen Übung nachts auch in der Haubitze schlafen, aus einer Deckung heraus, machen das Waffensystem feuerbereit und schießen nach Befehl auf ihr Ziel. Bei „Celtic Thunder“ ist dieses in rund zehn Kilometer Entfernung; das Geschütz kann aber auch Feinde in 30 Kilometern Entfernung bekämpfen. Da der Gegner durch den Beschuss den Standort der Haubitze ausfindig machen kann, fährt diese schnell wieder in ein Versteck.
Mögliche Ziele können indes mit dem „Kleinfluggerät Zielortung“ ausgekundschaftet werden. Hinter dem sperrigen Namen verbirgt sich eine 172,25 Kilogramm schwere Aufklärungsdrohne mit 3,42 Metern Spannweite, die bis zu fünf Stunden am Stück im Einsatz sein kann. An diesem Donnerstag muss sie allerdings am Boden bleiben: Die äußerst kalten Winde bei Baumholder bergen die Gefahr der Höhenvereisung. Das sei allerdings nur eine besondere Vorsichtsmaßnahme für die Übung, versichern die Soldaten. Im Ernstfall, also im Gefecht, würden sie die Drohne starten.