Politik HIV in Russland: Der Staat handelt nur zögerlich

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Russland hat ein massives Problem mit Aids und HIV. Die jährliche Zuwachsrate bei Neuinfektionen beträgt aktuell zwölf Prozent. Zwar hat der Staat das Problem erkannt, doch tut er sich schwer damit, moderne und wirksame Präventionsmaßnahmen zu ergreifen. Viele Betroffene leiden deshalb – körperlich und psychisch.

Jana schlendert heran in sportlichen Schnürstiefeln, die roten Ohrenklappen ihrer Fellmütze leuchten. Den Nachwuchs hat sie im Kindergarten abgeliefert. Wir setzen uns in eine der einfachen Bäckereien im Zentrum der Wolgastadt Tscheboksary, wo der Plastikbecher Tee keine zwei Cent kostet. Jana schaut sich nach den anderen Gästen um, dann bittet sie leise, die Worte HIV oder Aids nicht zu benutzen. „Wenn du hier HIV hast, bist du für die Leute entweder eine Hure oder drogensüchtig.“ Jana, damals Wirtschaftsstudentin, infizierte sich 2011 beim Sex mit ihrem Freund. „Er war Trinker, ich war co-abhängig“, sagt sie. Vier Jahre ging sie in Sorge um ihn und seine Gesundheit auf, am Ende prügelte er sie aus der Wohnung. Von ihrer Infektion erfuhr Jana bevor sie von ihm schwanger wurde. Sie litt, hatte Todesangst, ließ das Kind abtreiben. In der Klinik herrschte eine Ärztin sie an, warum sie verschwiegen habe, dass sie aidskrank sei. „Sie haben doch meine Analysen“, wehrte sich Jana. „Und das ist kein Aids, sondern HIV.“ „Aids oder HIV“, kam als Antwort, „am Ende verreckst du so oder so!“ Aids ist das Endstadium von HIV. Die Krankheit Aids entwickelt sich aus einer HIV-Infektion, man hat nicht sofort nach einer Ansteckung mit HIV auch Aids. Russland feiert „durchbrechende Erfolge“ im Kampf gegen Aids, wie Vizepremier Olga Golodez dieser Tage bei einer internationalen HIV-Konferenz in Moskau erklärte. Anna Popowa, Chefin der Aufsichtsbehörde Rospotrebnadsor, verkündete dort, Forscher ihres Amtes hätten ein neuartiges gentherapeutisches HIV-Medikament entwickelt, das man schon bald klinisch testen könne. Auch der Duma-Abgeordnete Gennadi Onischtschenko lobte die staatliche Anti-HIV-Strategie, jährlich würden 23 Prozent der Bevölkerung auf Aids getestet, 320.000 HIV-Positive therapeutisch behandelt. Allerdings gestand Onischtschenko, dass in Russland mittlerweile 990.000 gemeldete HIV-Infizierte lebten. Unabhängige Experten reden von 1,5 Millionen Infizierten. Die jährlichen Zuwachsraten bei Neuinfektionen betragen aktuell zwölf Prozent. „Niemand weiß genau, wie groß die Zahl wirklich ist“, sagt Ilnur Muchametchanow, Mitbegründer der Kasaner HIV-Stiftung „Swetlana Isambajewa“, und selbst infiziert. Immer mehr Russen im Alter zwischen 30 und 50 trügen das Virus in sich, viele, ohne es zu ahnen. Vergangenes Jahr starben 24.000 gemeldete HIV-Patienten. Auf der Moskauer Konferenz klagte der Epidemiologe Wadim Pokrowski, man müsse die Finanzierung für Therapien mindestens verdreifachen. Und im Saal protestierten infizierte Aktivisten, dass in den regionalen Aidszentren oft keine effektiven Arzneien vorrätig seien. Jana sagt, die nötigen Medikamente zur Stabilisierung der Immunität kosteten zwischen umgerechnet 130 und 400 Euro im Monat, an der Wolga für viele ein Monatsgehalt. Aber sie bekommt die vier Tabletten, die sie täglich zweimal schluckt, kostenlos im staatlichen Aidszentrum. Sie habe sich längst an das Ritual der Therapie gewöhnt. „Ich muss ja lange leben, schon wegen der Kinder.“ Jetzt lächelt sie ohne Tränen. Jana kämpft gegen die Krankheit, gegen ihre Angst. Sie fing an, Eishockey zu spielen, in einer Mannschaft mit männlichen Amateuren. Sie lernte einen jungen Elektriker kennen. „Ich habe ihm gesagt, eine Beziehung sei unmöglich.“ Aber dann hätten sie sich verliebt, er wollte sie heiraten, er wollte Kinder von ihr. Janas Virus-Belastung lag bei Null, sie konnten ohne Ansteckungsgefahr Sex haben. Sie wurde schwanger. Aber nach der Geburt ihrer zweiten gesunden Tochter habe eine Gynäkologin ihr geraten: „Ich hoffe, meine Liebe, du bringst keine Kinder mehr zur Welt!“ Jana verheimlicht ihre Infektion fast allen Freundinnen, jahrelang sogar der eigenen Mutter. Und sie weiß noch nicht, ob sie es ihren Kindern sagen wird, wenn die einmal erwachsen sind. HIV gilt in Russland weiter als Randgruppenkrankheit, als etwas Unanständiges, Fremdes. Trotz hoher Ansteckungsraten fehle der Öffentlichkeit das Bewusstsein, dass HIV alle bedroht, sagt Ilnur. Er und seine Frau Swetlana Isambajewa wollen nach dem Vorbild der internationalen Stiftung „RED“ russische Wirtschaftskonzerne, Promis und die Medien dazu bringen, das Problem HIV öffentlich zu machen. „Aber unsere Unternehmer sponsern lieber Krebshilfe-Aktionen. Wenn einer Geld für ein HIV-Projekt gibt, heißt es sofort, er sei selbst infiziert und schwul.“ Surija bittet, ihren Wohnort, ein Städtchen am anderen Wolga-Ufer, nicht zu nennen. Auch die 36-jährige allein erziehende Mutter ist HIV-positiv. Angesteckt wurde sie vor zehn Jahren von einem Mann. Surija lacht viel, redet vom Reisen, Angeln, Bogenschießen, von dem Manikür-Studio, das sie gern aufmachen würde. Aber sie erzählt auch von dem bösartigen Tratsch im Städtchen, von den verächtlichen Blicken der Ärzte im Krankenhaus und von einer Bekannten, die sie auf dem Marktplatz einmal laut ansprach: „Du hast also auch Aids?!“ Sie habe gelernt, meisterhaft zu lügen, sagt Surija. Wenn rauskäme, dass sie HIV-positiv sei, würde ihr kein Mensch mehr die Hand geben. „Erst recht nicht zum Maniküren.“

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