Nordkorea RHEINPFALZ Plus Artikel Gruselige Parade: Nächtlicher Mummenschanz in Pjöngjang

Nur der Stechschritt war wie immer.
Nur der Stechschritt war wie immer.

Nordkorea veranstaltet „zivilste“ Militärshow der jüngeren Geschichte. Beobachter vermuten, dass neue Atomtests geplant sind.

Eine solch skurrile Parade hat selbst Nordkorea noch nie erlebt. Zu nächtlicher Stunde ließ Machthaber Kim Jong Un am Donnerstag sein Heer aufmarschieren, aber nicht in gewohnter Weise, sondern eher verstörend und ziemlich gruselig anzusehen.

Soldaten in rot-orangen Schutzanzügen und mit Gasmasken marschierten auf. Eine Einheit der selten gesehenen Kavallerie paradierte über den durch riesige Scheinwerfer in gleißendes Licht gehüllten Kim-Il-Sung-Platz. Furchterregend wirkende Waffensysteme wurden von schlichten Traktoren geschleppt. Nur die wieder mal mit preußischem Stechschritt marschierenden und mit Orden behängten Offiziere boten den gewohnte Eindruck.

Der Diktator ist selbst vor Ort

Auf TV-Bildern zu erkennen: Der Diktator selbst war bei dem nächtlichen Mummenschanz vor Ort. Aber anders als bei Militärparaden üblich, trug Kim jetzt statt Uniform einen steingrauen Zivilanzug mit passender Krawatte. Und er war auch nicht von devoten Generälen umgeben, sondern ließ sich einhaken von einem Pärchen Junger Pioniere mit roten Halstüchern. Überhaupt bot Kim vor allem paramilitärische Einheiten und Angehörige der Sicherheitskräfte auf. Der Machthaber hielt dieses Mal auch keine Rede und verzichtete erstmals sogar auf die Demonstration von Mittel- und Langstreckenraketen.

Offizieller Anlass der einstündigen Militärshow war der 73. Jahrestag der Staatsgründung Nordkoreas. Vermutlich ging es in Wirklichkeit nicht allein darum, wieder einmal die Moral und den glühenden Patriotismus der Staatsgenossen zu stärken. Adressat der Signale dürfte vor allem das Ausland gewesen sein, vorrangig die USA und nicht so ganz nebenbei auch China.

Druckmittel gegen die USA

Beobachter in Seoul vermuten, dass Kim die Absicht hat, in nicht allzu ferner Zukunft einen oder mehrere Atomsprengköpfe testen zu lassen. Ein Druckmittel, um von den USA Fördergelder und Sanktionserleichterungen zu erpressen, vermutet Leif-Eric Easley von der Ewha-Universität in Seoul. Gleichzeitig könnte die Parade darauf abzielen, das nordkoreanische Volk auf eine weitere Auseinandersetzung mit den Vereinigten Staaten vorzubereiten, mutmaßt Cheong Seong Chang, Direktor des Zentrums für Nordkoreanische Studien an der Sejong-Universität. Das letzte Mal hatte Pjöngjang 2017 Kernwaffen seines Raketenprogramms getestet. Seit 2019 liegen die daraufhin begonnenen Gespräche mit der US-Führung zur Abrüstung auf Eis.

Laut der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) hat Nordkorea auch seine umstrittene kerntechnische Anlage Yongbyon wieder in Betrieb gesetzt. „Die Nuklearaktivitäten Nordkoreas geben weiterhin Anlass zu ernster Sorge“, teilt die IAEA mit. Genaues aber weiß man nicht, weil Pjöngjang schon seit 2009 den Kontrolleuren einen direkten Zugang verweigert. Die meisten Informationen stammen deshalb aus Satellitenaufnahmen und daraus abgeleiteten Mutmaßungen.

Chaotischer Abzug aus Afghanistan

Eine davon ist, dass Kim den durch seinen chaotischen Afghanistan-Abzug in Bedrängnis geratenen US-Präsidenten Joe Biden auch in Fernost unter Druck setzen wolle. Kim Jong Un wolle zeigen, dass sein Atomraketenprogramm auf vollen Touren laufe und auch durch die internationalen Sanktionen oder die Corona-Pandemie nicht zu stoppen sei.

Ein weiterer Adressat könnte China sein. Nordkorea fordert in seinen Medien immer deutlicher eine stärkere Rückendeckung durch seine Verbündeten in Peking. In deren Interesse liegt vor allem eine Schwächung der US-Position in Ostasien.

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