Katholische Kirche RHEINPFALZ Plus Artikel Grund für Rücktrittswunsch: Der tote Punkt

Sein Kirchenvolk steht hinter ihm: Kardinal Reinhard Marx.
Sein Kirchenvolk steht hinter ihm: Kardinal Reinhard Marx.

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx will mitten in der Krise des deutschen Katholizismus sein Bischofsamt aufgeben. Er zieht Konsequenzen aus dem jahrelangen Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche – und er spielt deutlich auf andere an, die an ihren Sesseln kleben.

Es war der zweite Blitz aus – nun ja – nicht mehr ganz so heiterem Himmel. Im Februar vergangenen Jahres teilte der Münchner Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, urplötzlich mit, er wolle nicht länger Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz sein. Vierzehn Monate später, an diesem Freitag, gibt Marx wieder einmal ohne jede Vorwarnung bekannt, dass er auch noch von seinem Bischofsamt zurücktreten will. Er habe Papst Franziskus „sehr“ darum gebeten, „diesen Verzicht anzunehmen.“

Zeit für Neuanfang

Faktisch kehrt der 67-Jährige damit aber als Vorbild oder als Führungsfigur an die Spitze seiner Amtskollegen zurück, deren Ansehen in Kirche und Welt er – so schreibt Marx an Franziskus – wegen der Missbrauchsskandale stark gesunken, „ja möglicherweise an einem Tiefpunkt angekommen“ sieht. Mit seinem Rücktritt wolle er „ein Zeichen“ setzen und persönlich Verantwortung übernehmen „nicht nur für eigene mögliche Fehler, sondern auch für die Institution Kirche, die ich seit Jahren mitgestalte und mitpräge.“ Diese Kirche, so schreibt Marx dem Papst, sei „an einem gewissen toten Punkt“ angelangt, der auch zu einem Wendepunkt werden könne. Vielleicht, so Marx, könne sein Rücktritt ja auch als „Zeichen für neue Anfänge“ gelten.

Franziskus jedenfalls hat blitzartig geantwortet: innerhalb von zwei Wochen. Und er hat das Rücktrittsangebot aus München nicht zurückgewiesen, sondern Marx nur gebeten, bis zu einer endgültigen Entscheidung sein Amt weiter auszuüben.

Glasklare Bezüge nach Köln

In dem Schreiben an Franziskus und der persönlichen Presseerklärung, die Marx am Freitag – mit ausdrücklicher Billigung des Papstes! – veröffentlicht hat, taucht nirgendwo der Ortsname „Köln“ auf. Aber die Bezüge sind glasklar. Schon im Februar hatte sich Marx gewaltig über seinen Kölner Amtsbruder Rainer Maria Woelki geärgert. Dessen Eiertanz um die Veröffentlichung eines Missbrauchsgutachtens und um die Nennung der Namen verantwortlicher Kirchenmänner habe eine „außerordentlich negative“ Wirkung für die Kirche gehabt, sagte er damals. Jetzt schreibt er nicht minder deutlich, die Übernahme von Verantwortung dürfe sich „nicht beschränken auf die aus der Aktenlage hervorgehenden kirchenrechtlichen und administrativen Fehler.“ Beißender kann man das Verhalten Woelkis, seiner Weihbischöfe Dominikus Schwaderlapp und Ansgar Puff, sowie des zum Erzbischof von Hamburg aufgestiegenen Ex-Kölners Stefan Heße nicht kommentieren. Sie kleben oder klebten so lange an ihren Sesseln, bis ihnen formalrechtlich, als konkreter Paragrafenverstoß, ein Vergehen nachweisbar war.

„Systemisches Versagen“

Marx hingegen schreibt, das reiche nicht aus: „Ich trage als Bischof doch auch eine institutionelle Verantwortung für das Handeln der Kirche insgesamt.“ Die aktuellen Diskussionen hätten gezeigt, schreibt er dem Papst, „dass manche in der Kirche das Element der Mitverantwortung und damit auch Mitschuld der Institution nicht wahrhaben wollen“. Und darum geht es ihm ja auch: um jene Ursachen des sexuellen und des Machtmissbrauchs in der Kirche, die in deren Struktur liegen. Um dieses „systemische Versagen“ der Kirche zu bekämpfen, brauche es einen „Reform- und Erneuerungsdialog“ – eben genau das, was die Kirche in Deutschland auf ihrem „Synodalen Weg“ versucht, den Marx aufgrund der Missbrauchsstudie angestoßen hat. Und es stört ihn, dass genau die gleichen Personen, die ihre „Mitverantwortung nicht wahrhaben wollen“, jeder Kirchenerneuerung „ablehnend gegenüberstehen.“ Wieder meint Marx, ohne Namen zu nennen, das konservative Lager um Kardinal Woelki, das den „Synodalen Weg“ nach Kräften hintertreibt.

Dunkle Schatten

Einen Reform- und Dialogweg hat Marx auch für sein eigenes Bistum initiiert. Und anders als Woelki, der die Unterstützung bei einer großen Mehrheit der leitenden Geistlichen und beim Diözesanrat verloren hat, weiß der Münchner Kardinal sein Kirchenvolk nahezu geschlossen hinter sich. Wohl deshalb hat Papst Franziskus – anders als in Köln – auch keinen Anlass gesehen, Spezial-Ermittler nach München zu schicken. Dabei sind auf Marx selbst zuletzt dunkle Schatten gefallen. Als Bischof in Trier (2002 bis 2007) reagierte er nicht auf die offensichtlich begründeten Missbrauchsvorwürfe gegen einen seiner Pfarrer, der dann unbehelligt weiterhin Jugendseelsorge betreiben durfte. Erst auf Nachforschungen und Druck der Medien räumte Marx 2019 ein „Versäumnis“ ein. Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller sieht sogar „ein ganzes Bündel an gravierenden Amtspflichtverletzungen“ bei Marx – für welche dieser eigentlich, so Schüller, genauso wie sein Kölner Widerpart Woelki, zurücktreten müsse. Von diesen Fällen spricht Marx in seinem tatsächlichen Rücktrittsangebot aber an keiner Stelle.

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