Arktis
Goldrausch im Schmelzeis
„Sehen sie die Eisberge dort drüben?“, ruft der vollbärtige Kapitän von Steuerbord aus auf seinem kleinen Boot an der Küste von Ilulissat im Westen Grönlands. Angela Merkel sei auch schon da gewesen, um sich das anzugucken, erzählt er. Dabei zeigt er auf die in der Sommersonne märchenhaft glitzernden Eisberge. „Die waren vor 40 Jahren noch doppelt so hoch!“, ist er sich sicher. Schließlich habe er schon immer hier gelebt. Sei schon mit dem Vater rausgefahren. Er irre sich nicht.
Diese Begegnung fand vor einigen Jahren statt. Doch der Eindruck bleibt – und die Wissenschaft bestätigt ihn Jahr für Jahr. Gerade hat eine dänische Studie herausgefunden, dass auf Grönland, der größten Insel der Welt, derzeit täglich acht Milliarden Tonnen Eis schmelzen. Das sei das Doppelte des üblichen Wertes im Sommer. Doch im Norden freut man sich vor allem über die wirtschaftlichen Möglichkeiten.
Der Südpol bleibt dank internationaler Verträge von 1958 und 1991 militärisch, wirtschaftlich und ökologisch verschont von der Menschheit. Weil es so etwas für die Arktisregion nicht gibt, wird die Frage nach deren Eigentümer derzeit immer lauter gestellt.
Verlockende Bodenschätze
Denn unter dem rund 14 Millionen Quadratkilometer großen arktischen Meer – es ist größer als Russlands Fläche – sollen gewaltige Bodenschätze schlummern. Den Anrainernationen gilt die Arktis dank Erderwärmung und Eisschmelze als bald erreichbare Schatztruhe. Die Verlockung ist groß. Im Meeresboden sollen exorbitante Mengen an Edelmetallen, seltenen Erden, Gold und 14 Prozent der weltweiten Erdöl- sowie 30 Prozent der Erdgasreserven schlummern.
Wie viel es wirklich ist, weiß niemand. Es sind Schätzungen. Doch mittelfristig soll all das unter profitablen Bedingungen förderbar werden. Das Eis machte das bisher nicht wirklich lohnenswert. Doch die Fischfangflotten können schon jetzt stetig weiter gen Norden fahren. Norwegen und Russland bohren immer weiter nördlich im Meer nach Öl, weil das Eis sich zurückzieht. Russland verfügt über eine weltweit einmalige atomkraftbetriebene Eisbrecherflotte, mit der es bereits kommerzielle Schiffe durch die zunehmend eisfreier werdende Nordost-Passage von Fernost nach Europa geleitet.
Die Bedeutung der Festlandsockel
Geologen aller Anrainernationen messen, was das Zeug hält, um zu klären, wem welcher Teil der Arktis gehört. Bei der zumindest offiziell verantwortlichen UN-Kommission liegt ein Teil des Augenmerks auf den sogenannten Festlandsockeln der einzelnen Nationen. Sie liegen unter Wasser, gelten aber als zu den konkurrierenden Ländern gehörende Unterwasserfortsetzungen des nationalen Festlandes, etwa aufgrund gleicher Gesteinsstruktur.
Zum einen gilt international die für die exklusive nationale Nutzung vorbehaltene 200-Seemeilen-Zone von der Küste aus. Arktisanrainer können diese um weitere 150 Seemeilen ausweiten, wenn sie wissenschaftlich glaubhaft beweisen können, dass die Fortsetzung ihrer jeweiligen Festlandsockel unter Wasser lang genug ist. Es ist ein Messen und Schachern um jede Meile. Nicht alle arktischen Gebiete können eindeutig nach diesem Verfahren zugeordnet werden.
Gebietsansprüche überschneiden sich
Gebietsansprüche überschneiden sich überall. So weist Dänemark auf einen unter dem Meeresspiegel liegenden Gebirgszug namens Lomonossow-Rücken als Fortsetzung des zu Dänemark gehörenden grönländischen Festlandsockels hin. Aber der Lomonossow-Rücken ist lang. Er reicht von Grönland bis zum sibirischen Kontinentalsockel. Russland ist freilich anderer Meinung.
Die Frage steht im Raum, was passiert, wenn es hart auf hart kommt. Wenn Russland das rechtliche Spiel zu bunt wird. Vor allem Moskau könnte durch seine deutliche militärische und technische Überlegenheit in der Region das bürokratische Spiel um Festlandsockel und Seerechte ignorieren und militärische Fakten schaffen, sagen Experten. Es wäre nicht das erste Mal.
Hoffen auf Kooperation
Es sei noch zu früh und vermutlich unnötig, solch extreme Maßnahmen durchzuführen, finden die Optimisten. Zusammenarbeit könne sich als bester Weg für alle Anrainer erweisen. Zudem steht Russland dank seiner Lage ohnehin ein Großteil der Arktis zu.
Moskau führt seit kurzem den Vorsitz des arktischen Rates. Auch wenn Präsident Wladimir Putin medienwirksam eine russische Flagge in den Meeresboden unter dem Nordpol rammen ließ und lautstark den größten Teil der Arktis in Anspruch nahm, führt, bemüht sich das Land im Rat um diplomatischere Töne, Umweltschutz und auch um die Rechte der Inuit. Sogar China versucht über viel Engagement in Grönland in der Arktis am Ball zu bleiben. Den Dänen gleich die ganze Insel abkaufen, wie Ex-US-Präsident Donald Trump, will Peking indes nicht.
Eine friedliche Zusammenarbeit wäre denkbar, wenn die Nationen tatsächlich bei der Bergung dieser Schatztruhe technisch aufeinander angewiesen sein werden. „Es dürfte zudem noch viele Jahre dauern, bis aus der Arktis wirklich in größeren Mengen wertvolle Bodenschätze gefördert werden, auch das weiß niemand genau“, sagt Volker Rachold, Leiter des Deutschen Arktisbüros, der RHEINPFALZ. Das Büro ist Teil des Alfred-Wegener-Instituts Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung.
Misstrauen zwischen den Anrainern
Derweil beäugen sich die Anrainer misstrauisch und rüsten auf. Selbst die neutralen Schweden und Finnen, die sich militärisch auf den Süden konzentriert haben, denken derzeit um. Die Nato-Länder Kanada, Dänemark mit Grönland sowie den Schafsinseln, Island und Norwegen verlassen sich vor allem auf die USA.
Der neue US-Außenminister Antony Blinken hat denn auch gleich im Mai Kopenhagen, Grönland und Island besucht – kein Zufall. Auf Grönland hat Washington erstmals seit den 50er Jahren wieder ein richtiges Konsulat. Seit 1951 betreiben sie die Thule-Militärbasis im Nordosten Grönlands. „Ich halte die Schlagzeilen über Wettrüsten um die Arktis für übertrieben“, sagt Naturwissenschaftler Rachold. Es gebe selbst von Russland deutliche Zeichen der Kooperationsbereitschaft.
Bisher betonen auch alle Anrainerstaaten, inklusive Russland, die Ansprüche friedlich regeln zu wollen. Zuletzt wurde dies wieder auf dem Treffen des Arktischen Rats in Island unterstrichen. „Die reißerischen Schlagzeilen in deutschen Blättern über Wettrüsten in der Arktis und Russland, das ist sehr übertrieben. Es herrscht eine kollegiale Stimmung vor“, betont Rachold.